Friedrich Bolger (Gedichte)

Wolgaheimat

Mein Wolgastrand, mein Heimatland,
in weiter, weiter Ferne!
In Eis und Schnee, in Wüstensand,
wohin man immer mich verbannt,
denk ich an deine Sterne.

An deinen Himmel seidenblau,
an deine schönen Lieder,
an deine Saat im Morgengrau.
O Heimattau, o Wolgagau,
wann sehe ich dich wieder!

Wir düngten dich mit Arbeitsschweiß,
o heimatliche Scholle!
Wir pflegten dich mit Müh und Fleiß
Und wünschten uns nur eins zum Preis,
dass nie ein Mensch uns grolle.

Wir wähnten und in sicher Hut
In unsrem Heimatlande.
Wir schirmten es, wir meinten’s gut,
erkämpften uns mit unsrem Blut
ein Heim am Wolgastrande.

Ich hatte einen braven Hund.
Wie der so bitter klagte,
als man bei Nacht in später Stund
so ohne Schuld und ohne Grund
aus meinem Haus mich jagte.

Er kläffte, heulte, sprang heran,
dass laut die Kette klirrte,
als mich ein unbekannter Mann,
dem nie ich was zuleid getan,
zum Bahnhof es kortierte.

Von Moskau kam das harte Wort,
mit kalter Hand geschrieben.
Ich musste von der Wolga fort,
von meiner Ahnen Heimatort,
von allen meinen Lieben.

Vom Bach, wo meine Wiege stand,
wo oftmals ich gesessen,
bis hinterm Berg die Sonne schwand…
O Wolgastrand, o Heimatland!
Wie könnt’ ich dich vergessen!

1966

 

Mein Karaman

Hier saß als Kind ich oft im Grün
des Ufers ganz allein
und sah die Fluten rätlich glühn
im Abendsonnenschein.

Mein Karaman, mein Karaman!
Wo meine Wiege stand
und meiner Kindheit Traum zerrann,
beginnt mein Heimatland.

Die Weide steht im feuchten Sand
des Ufers wie zuvor
und streckt zum Gruß für mich die Hand
ins Blaue hoch empor.

Mein Karaman, mein Karaman!
Ich habe manche Nacht
auf meinem Weg nach Kasachstan
an dich zurückgedacht.

Dort kommt im Blütenschmuck daher
ein junges Erlenpaar
und rauscht und schüttelt blütterschwer
sein grüngelocktes Haar.

Mein Karaman, mein Karaman!
Wie lieb ich dich so sehr.
Ich bring vom Fuße des Tienschan
viel Grüße mit daher.

Mein Heimatort, wie gut du.'s meinst,
wie alles ringsum blüht.
Welch zarte Perlen du verweinst,
zu kühlen mein Gemüt.

Mein Karaman, mein Karaman!
Ich muß nun wieder gehn.
Ich bleib dir treu und zugetan,
bis wir uns wiedersehn.

 

Wenn der Abend…

Wenn der Abend in den Bergen düstert,
und der Bach im Ried geschäftig flüstert,
oben hoch verlischt des Tages Licht,
sitz ich oft allein mit meinen Träumen
schweigend unter eingenickten Bäumen,
bis der Mond durch ihre Zweige bricht.

Langsam zieht vorüber dann mein Leben.
Hab ich mehr genommen, mehr gegeben?
Hielt ich nichts für mich allein zurück?
Nein, mein Herz, es soll dich nichts vergrämen:
Niemals fand im Raffen ich und Nehmen
meine Freude, das erwünschte Glück.

Ich geb gerne, was ich selbst gefunden.
Und auch diese abendlichen Stunden,
die ich oft im ersten Dämmerschein
still genieß’ auf taubeperlten Gräsern,
will ich schenken dir, mein lieber Leser,
sie gehören nicht nur mir allein.

 

Hundeleid

Weißt du, mein Freund,
wie Hunde weinen?
Nicht, wie sie winseln,
nein, wie sie bei Nacht
bekümmert sitzen
auf den Hinterbeinen
und trostlos weinen,
bis der Tag erwacht.

Du meinst vielleicht,
das wären leere Fragen?
Was wüßte schon ein Hund
von Gram und Leid.
O, schrecklich ist's,
wenn kummervoll sie klagen!
Ich hab's erlebt
in einer bösen Zeit.

...Es war im Krieg.
Der Himmel spuckte Feuer,
und Dörfer — Städte
standen rings in Brand.
Wir ließen stehn,
was lieb uns war und teuer,
und suchten Rettung
weit im Hinterland.

Ich war für einen Tag
zurückgeblieben,
um manches noch zu bergen
im Kolchos,
zumal der Feind —
da war nichts aufzuschieben —
schon wiederholt
auch unser Dorf beschoß.

Vom frühen Morgen
immer auf den Beinen,
war ich zum Abend
ganz und gar erschlafft.
Da fing ein Kläffer
plötzlich an zu weinen.
Ein zweiter dann,
ein dritter... Schauderhaft!

Die Hunde weinten,
einsam und verlassen,
im ganzen Dorf,
und ihr Gejaul erklang
in den verstummten,
menschenleeren Gassen
so herzzerreißend
wie ein Sterbesang.

Sie bissen sich
verbittert in die Pfoten
und heulten jammernd
auf zum Himmelszelt —
wie Klageweiber,
wenn sie einen Toten
geleiten auf dem Weg
in jene Welt.

Noch lauter weinten
die verwaisten Hunde,
als ich, um dem Verderben zu entgehn,
im Dämmerschein
der ersten Morgenstunde
das Dorf verließ
auf Nimmerwiedersehn.

Da schlug mein Herz,
als wollt's in Stücke gehen.
Ich schrie vor Schmerz.
Doch niemand hörte mich...
O Menschen, sagt,
wie konnte es geschehen,
daß unsre Hunde
ließen wir im Stich?

Ich weiß nicht,
wie’s den Armen ist ergangen.
Doch wenn ein Käter
belfert jetzt bei Nacht,
dann zittre ich,
gelähmt vor Angst und Bangen,
als hält ich
eine schwere Nacht durchwacht.

Dann denk ich wieder
an vergangne Tage,
an eine ferne,
schicksalsschwere Zeit,
ein Alptraum drückt mich,
daß ich’s kaum ertrage,
der Atem stockt
vor altem Schmerz und Leid.

3. Oktober 1968

 

* * *

Man hat mein Dörfchen in vergangnen Tagen
«beerdigt» — alle Häuser abgetragen.
Von meinem Heim — von meiner Kindheit Glück
blieb nur ein Häuflein Schutt und Lehm zurück.
...Es war schon alt, mein Dörfchen, gar nicht groß –
nicht vorteilhaft für unseren Kolchos.

Man hatte neue Häuser fertig stehn
im Nachbardorf, das größer war und schön.
In diese zogen über unsre Leute,
obschon der Umzug sie durchaus nicht freute.
Auch ich erhielt ein neues nettes Haus.
Nicht einen Groschen gab ich dafür aus.

Und weil ich's nicht mit eigner Hand gebaut,
ist es mir nie so heimisch, nicht so traut
wie jene alte, abgewohnte Kate,
die ich mir mühsam selbst errichtet hatte
in meinem Dörfchen draußen weit im Feld,
wo ich das Licht erblickte dieser Welt.

Wenn jetzt ich einsam durch die Felder gehe
und die verwaisten, stummen Hügel sehe,
wo unsre «Hütten» man begraben hat,
dann hab mein nettes Haus ich plötzlich satt.
...Sein Heim ist für den Menschen doch viel mehr
als Obdach und vier Wände um ihn her.

 

Auf hohem Berg

Auf hohem Berg, wo nur der Aar
kreist gierend über Horst und Matten,
steht ganz allein mit seinem Schatten
ein alter Baum schon manches Jahr.

O nein, er kann sich nicht beschweren:
Ihm drohte nie ein Ungemach.
Die Wurzeln kühlt ein Murmelbach.
Er atmet frei in freien Sphären.

Die Sonne flicht mit wahrer Hand
aus Gold und Silber Ordensbänder
in seine schmucken Laubgewänder.
Zu Füßen prangt das weite Land.

Doch wenn der Lenz zieht durchs Gelände,
und Lieder klingen himmelwärts,
dann wird dem Alten schwer ums Herz,
und sehnsuchtsvoll ringt er die Hände.

Dann möchte er sich mit Gewalt
von diesen stummen, stolzen Felsen
ins laute Tal hinunterwälzen,
hin zu dem liederreichen Wald.

 

* * *

Der Morgen kommt mit frohem Gruß
durchs Tal dahergegangen
und drückt mir einen frischen Kuß
auf die erhitzten Wangen.
Er streift mit prickelnd kaltem Hauch
die Brust und dämpft ihr Feuer...
Oh, jede Blume, jeder Strauch
ist hier mir lieb und teuer.

Die Erde hat mit frischem Saft
sich wieder vollgesogen.
Sie strotzt vor junger Lebenskraft
und schäumt in grünen Wogen.
Der Bach eilt wieder hin durchs Land
und windet unerschrocken
sein schmales himmelblaues Band
den Weiden um die Locken.

Hoch oben hängt, ein winzig Lot,
die Lerche schon im Blauen
und siebt ihr Lied in feinstem Schrot
auf die erwachten Auen...
Das alles ist mir wohlbekannt,
das alles ist mein Erbe.
All das gehört zum Heimatland,
für das ich leb und sterbe.

 

* * *

Ich hab als Kind schon mancherlei erlitten:
An meiner Wiege wachte bittre Not.
Sie ist mit mir von Haus zu Haus geschritten
Doch nirgends gab man uns ein Stückchen Brot.
Und als des Feindes braune Räuberhorden
in Schutt und Asche legten unser Land,
da war mein «Schlachtfeld» weit im rauhen Norden,
wo ich am Bau von Rüstungswerken stand.

Mein Heimatland, dort mußt ich viel ertragen:
Auch dort war damals eine schwere Front.
Doch blieb ich auch in meinen schwersten Tagen
in Reih und Glied, ich hab mich nie geschont.
Ich konnte Brest und Warschau nicht befreien.
Doch stritt ich für dein Wohl, für dein Gedeihen.

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