"Chaos als System"

Der deutsche Wirtschaftsminister Reiner Brüderle will mit „Lockprämien“ gebildete Fachleute aus dem Ausland nach Deutschland holen. Nichts gegen Ausländer; aber warum schafft es das deutsche Bildungssystem nicht, den Menschen eine ordentliche Bildung hier zu vermitteln?

 

Biologisch gesehen

caos_y_ordenStellen Sie sich vor, in ein und demselben Jahr, an ein und demselben Tag erblicken zwei Mädchen das Licht der Welt, eins in Nürnberg und eins in Bremen. Sie gingen in die Schule und bekamen gute Noten. Nach ihrem hervorragenden Abschluss studieren beide an pädagogischen Hochschulen Deutsch und Geschichte. In den Ferien fuhren sie jeweils in eine andere Stadt: die Nürnbergerin nach Bremen und die Bremerin nach Nürnberg. Dort verliebten sie sich in zwei junge Deutschlehrer und bald feierten sie ihre Hochzeiten.

Nun ergab sich die Frage: Wo sollten die Familien leben?

Antwort: Nicht in Bayern. Die Ausbildung der Bremer wird dort nicht anerkannt und deshalb dürfen sie nicht als Lehrer arbeiten.

Wer behandelt sie so ungleich, wer verbaut einigen Mitbürgern ein Stück Zukunft? Wer hat unser Grundgesetz verletzt, das von Gleichheit spricht?

All das hat der Föderalismus in Deutschland bewirkt, die Länderzuständigkeit für Bildung.

Aber wenn Kinder, angenommen, gleich begabt sind (und zur Annahme, Bayern sind schon bei der Geburt klüger, fehlen mir die Beweise), können sie doch früh mit dem Lernen anfangen, gleichen Anforderungen gerecht werden, gleich gut (oder schlecht, aber auf gleichem Niveau) lesen, zählen und singen.

Womit, biologisch gesehen, sind so gravierende Unterschiede in der Bildung verbunden, dass die eine am Ende besser dasteht, als die andere?

Von Berlin nach Hoyerswerda: eine Demütigung

Das Bildungssystem in Deutschland ist ein System der Bildungsschizophrenie. In Deutschland gibt es 280 Lehrpläne, das heißt man kann nicht aus einer Schule in die andere wechseln, wenn die Eltern (flexibel nach Arbeitsstellen suchend) in ein anderes Land ziehen müssen. In Berlin hat die Grundschule sechs Klassen, in Sachsen nur vier. Wenn jemand mit einem Sechsklässler aus Berlin nach Hoyerswerda kommt, muss das Kind zwangsläufig in die vierte klasse zurückgestuft werden. Versetzung zurück in die fünfte Klasse wäre mit massiven Geldverlusten für die Eltern verbunden, weil sie natürlich einen (zwei, drei…) Nachhilfelehrer engagieren müssen, da Berliner erst in der siebten Klasse Chemie und Physik bekommen, die haben Sachsen bereits ab 5. Gravierende Unterschiede gibt es natürlich in Mathe, Deutsch, aber auch in den anderen Fächern.
Sind die Berliner blöder als Sachsen, oder wollten Berliner Bildungspolitiker ihren Sprösslingen das Leben etwas leichter machen?

Die Lektoren der Verlage, die sich mit Schulbüchern beschäftigen, berichten von 12 verschiedenen Ausgaben ein und desselben Buches. Einige Länder nennen Substantiv- Substantiv oder Nomen, andere- Ding-Wort. Einige nennen Verb -Verb , andere aber –Tun-Wort. Bei der Behandlung des menschlichen Körpers fordert das fromme Bayern, das dem im Buch (in anderen Ländern nackt) abgebildeten kleinen Jungen Höschen übergemalt werden. Wörter für Genitalien, die jeder Mensch- auch in Bayern- besitzt, werden rigoros gestrichen.

Einige Länder fordern für bestimmte Klassen einen Liederkanon, also eine unausweichliche Ansammlung von Volkskunst, die das Lehrbuch enthalten soll, andere aber ihren Gedichtekanon, weitere einen Experimentekanon. Gehen sie dann als Lektor auch nur eines einzigen Lehrbuches nicht kaputt?

In Deutschland sind auch drei verschiedene Schreibschriftarten zulässig, deshalb werden die Lehrbücher, die Schreibschrift enthalten, in drei verschiedenen Varianten angefertigt. Darüber hinaus gibt es in verschiedenen Ländern verschiedene Zulassungsbedingungen für Lehrbücher.

Nun ahnen Sie schon, warum Schulbücher in Deutschland ein Vermögen kosten. Gerade deshalb . Weil ein Buch nicht gleich in einer Auflage von 100000, sondern in 12 verschiedenen Ausgaben geschrieben, lektoriert, gefilmt und gedruckt wird.

Außerdem gibt es in deutschen Schulen verschiedene Stundentafeln, das heißt eine unterschiedliche Anzahl von Wochenstunden in denselben Fächern. Das bedeutet, dass in einigen Ländern die Mathekenntnisse breiter und tiefer, in anderen oberflächlicher und enger sind. Aus meiner Sicht ist das eine regelrechte Anmaßung (der Landesbildungspolitiker), besser zu wissen, warum einige Kinder im Vergleich zu den gleichaltrigen Kinder in demselben (Deutsch) Land, manchmal 20 Kilometer voneinander entfernt, einen anderen Umfang von Kenntnissen haben müssen.

Es existieren noch weitere rätselhafte Unterschiede. Allein bei Bildungsempfehlungen gibt es Differenzen in Noten, Fächern und Verbindlichkeiten. Das Letztere bedeutet, in einigen Ländern entscheidet der Lehrer, ob das Kind ins Gymnasium geht, in anderen aber die Eltern, die trotz Nicht-Empfehlung auf dem gymnasialen Bildungsweg beharren dürfen. Außerdem gibt es verschiedene Klassenteiler, sprich zulässige Klassenstärken, verschiedene Anzahl von Lehrerstunden, verschiedene Lehrpläne, verschiedene Elternbeiträge, verschiedene Lehrmittelfreiheit, verschiedene Bildungsausgabe der Kommunen und Länder, verschiedene Formen von Lehrausbildung mit verschiedenen Abschlüssen… Die Konsequenzen daraus haben wir bereits oben beschrieben.

Natürlich gibt es in den verschiedenen Ländern auch verschiedene Schulprüfungen. In manchen so genannten zentralen Aufgaben, die zentral ausgearbeitet und dann an allen Schulen an einem Tag auch geprüft werden. In einigen Ländern werden Prüfungen in der Schule selbst erarbeitet. Die Bereiche, die ein Physiklehrer nicht behandelte (weil es keine Verbindlichkeit in der Freiheit gibt und die Anzahl der Ausfallstunden himmelhoch ist), werden natürlich auch nicht abgefragt. Deshalb ist es reiner Hohn von der Gleichwertigkeit der Noten und Abschlüsse zu reden.

Je schlechter die Schule, desto besser

Dieses Chaos ist für manche Abiturienten zum Weinen. Bei strengeren Prüfungen bekommt man schlechtere Noten, die –bei Numerus clausus an den Hochschulen - manchem einen weiteren Bildungsweg versperren. Deshalb räumen die Schüler selbst den Noten eine mit Abstand höhere Priorität ein als erworbenen Fachkompetenzen. Logische und natürliche Folgen: Gelernt wird nur für die Note; je schlechter die Schule, desto besser für den Schüler, der dort bessere Noten bekommen kann.

Das, was deutsches Bildungssystem genannt wird, ist eigentlich kein System im ursprünglichen sinne des Wortes, sondern ein Chaos. Ein Bildungsbericht drückt das sehr vornehm aus „In der Vielfalt schulstruktureller Ausprägungen in den deutschen Ländern noch ein deutsches Schulsystem zu erkennen fällt schwer.“ Das Tragikomische an unserer Bildung zeigt vielleicht ein einzelnes Beispiel. Ein Absolvent der Bremer Hochschule darf, wie wir inzwischen wissen, in Bayern nicht Deutsch unterrichten; ein Portugiese, der Deutsch in Portugal studierte, darf das aber! Das hat für uns- nach dem Prinzip der Gleichheit der Ausbildungsabschlüsse in der EU- Brüssel durchgesetzt!

Bravo Brüssel!

Armes Deutschland.

Warum den Wagen vor das Pferd stellen?

Ein großes Problem der Deutschen ist zurzeit die Rente. Weil das Geld in den Rentenkassen knapp wird, sollen Deutsche länger arbeiten, bis 67.

Das ist ein Münchhausen-Versuch sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen,aber angenommen , Deutschland braucht zwei zusätzliche Arbeitsjahre von jedem seiner Bürger- warum von hinten dranhängen und nicht von vorn? Warum möchten wir das Rentenalter erhöhen und kommen nicht auf die Idee, das Arbeitseinstiegsalter zu senken? Das ergäbe denselben Effekt, bloß effizienter, weil, wie mir manche Rentner unter der Hand verrieten, mit 67 die Menschenkraft deutlich nachlasse.

Deutsche Abiturienten sind im Schnitt mit 20,5 Jahren die ältesten in Europa, aber auch in der ganzen Welt findet man solche Schüler mit Bart selten. Warum fangen wir nicht dann mit Ausbildung an, worauf uns moderne Methoden verweisen, mit drei und vier Jahren? In Frankreich gibt es Vorschulen, Ecoles Maternelles, für die Drei-bis Sechsjährigen, in denen frühkindliche Förderung wichtigstes Ziel ist. Diese Freiwilligen Schulen sind kostenfrei, da sie Bestandteil des nationalen Schulsystems sind. Die Erzieherinnen sind ausgebildete Grundschulleherinnen. Sprachentwicklung, Kommunikation, Förderung der Kreativität stehen hier auf dem Programm.

Ist so eine Vorschule nicht finanzierbar?

Und wie meistern es dann die Franzosen?

Wenn die Mutter nicht zu Hause sitzt und auf Sozialhilfe angewiesen ist, wenn die Kindereinrichtungen Arbeitsplätze schaffen, wenn mehr Menschen arbeiten, mehr konsumieren und Steuern und Sozialabgaben zahlen- warum ist dann die Kinderschule volkswirtschaftlich gesehen kein gutes Geschäft?

10-Klassenschule oder Wer baut Raketen?

In (West) Deutschland gab es nicht nur den PISA- Schock, sondern einige Jahrzehnte früher auch einen Sputnik-Schock. Man stellte fest, dass die nicht als ausgesprochen intelligent geltenden Russen es geschafft hatten, einen Sputnik ins All zu schießen und dann einen Menschen. Die fleißigeren und den großen mathematischen und technischen Traditionen eines Einstein, Plank, Herz, Röntgen… verhafteten Deutschen konnten das damals nicht, können es auch heute nicht.

Mit Diktatur und Zwang allein ist das kaum zu erklären. Für Errungenschaften dieser Art braucht man nicht Zwang, sondern Phantasie. Aber auch Kenntnisse.

Warum reichen in Deutschland nicht 12 und 13 Schuljahre zum Raumflug?

Ich denke an meine sehr durchschnittliche Schule in einer ukrainischen Kleinstadt. Mit 7 angefangen, mit 17 raus, Lesen, Schreiben und Rechnen bis Hundert noch vor der Schule, im Kindergarten (Vater und Mutter voll im Beruf) und zu Hause. In der ganzen Sowjetunion durch 11 Zeitzonen ein Physikbuch für die sechste Klasse, eins für die siebente und eins für die achte. Das gleiche in allen anderen Fächern, geringe Abweichungen in der Sprache, Literatur und Geschichte. Für das Land, für 15 Republiken, gab es nur einen Stundenplan, und eine Stundentafel. Die Aufteilung der Stunden war nicht festgeschrieben, aber die zu behandelnden Themen schon. So konnte man die Schule quer durch das Land wechseln, und man kam in der Regel in der anderen Schule genau zu der Stunde, mit der man in seiner früherer aufgehört hatte.

Im vereinten Deutschland hatte mich keiner nach meiner schulischen Ausbildung gefragt, der Sputnik-Schock war längst vorbei, der PISA- Schock noch nicht eingetreten. Ich schämte mich, etwas über meine spartanisch eingerichtete Schule zu erzählen. Was kann schon jemand berichten über seine Schulbildung- mit nur einem Lehrbuch für ein Fach- in dem Land, in dem die schule dreigliedrig, sekundär, allgemein, gesamt, real, gymnasial, montessori, grund und haupt und usw. ist? Man bekommt das Gefühl, dass in Deutschland die Anzahl der Schularten wie die Anzahl der Käsesorten in einem Käseladen betrachtet wird: je mehr desto besser. Wie konnte ich von meinem Käse erzählen, wenn der in nur einer Sorte bestand?

Meine Bescheidenheit hielt bis dahin an, als ich hörte, dass vor zwanzig Jahren ausgerechnet die Finnen, die bei der PISA-Studie die besten Noten erhalten haben, in der DDR ihr Bildungssystem abgeschaut haben, das wiederum an das sowjetische angelehnt war.

Die Finnen wollten nicht die Sorten-palette, sondern gebildete Menschen. Inhalte gingen vor Form, und sie ließen sich nicht durch Vorurteile einschüchtern, nach denen alles zu verwerfen ist, was nach Sowjetunion riecht. Deshalb muss vielleicht das vereinte Deutschland aus dem verschluckten Land nicht nur den „grünen Pfeil“ für Rechtsabbieger, sondern auch manche andere Dinge abschauen, wenn es nicht immer auf Japaner, Chinesen und Inder in der eigenen Wissenschaft angewiesen sein will.

Was heißt, in der Wissenschaft! Schon klagt das Handwerk, die Bewerber könnten weder lesen noch rechnen! Ein Verein für Alphabetisierung zählt im Land 4 Millionen funktionale Analphabeten. Sie können weder lesen noch schreiben, geschweige denn das Gelesene verstehen. Natürlich ist nicht die Rede von 4 Millionen Vorschulkindern, sondern von 4 Millionen (un)mündigen Bürgern. Mir geht es um solche profane Dinge wie Arbeitsfähigkeitsvoraussetzungen. Die Chancen, solche Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, stehen außerordentlich schlecht, deshalb sind sie ihr Leben lang auf die Stütze angewiesen.

„Sie sind selber daran schuld“, sagen einige.

Die Gesellschaft, das deutsche Bildungs“system“ ist mitschuldig, sage ich.

Geburtssünde ist das nicht

Worin bestehen also die Ursachen für die geistige Armut? Eine Geburtssünde ist das nicht. Schwere Erbschaft auch nicht, genetisch vermutlich ebenfalls nicht bedingt.

Was dann?

Ich erhebe meine Stimme mit der Tausender vor mir. Diese beschämende Misere, die dem Ruf des deutschen Volkes nicht würdig ist, ist politisch gewollt. Politisch gewollt sind Dreigliedrigkeit und Gesamtheit, politisch gewollt sind zwölf Ausgaben ein und desselben Lehrbuches für ein Fach von einem Verlag, für verschiedene Bundesländer und politisch gewollt sind die Schulabgänger im fortgeschrittenen Zeugungsalter. Das ist so politisch gewollt, dass nach einem Machtwechsel in einem Bundesland von Sozialdemokraten zu Christdemokraten oder umgekehrt gleich mit dem Umbau des Bildungssystems (oder was sie dafür halten) aufgefunden wird! Die Dreigliedrigkeit verschwindet und die Allgemeiheit kommt- oft bis zur nächsten Wahl.

„Und daran wird nicht gerüttelt!“, heißt die Kampfparole. Und es wird so „nicht gerüttelt“, dass einige Lehrer zu der Meinung gelangt sind, in der katholischen Kirche sei in den letzten zweihundert Jahren mehr passiert als in der deutschen Schule. Das ist keine Übertreibung: Vieles von dem, was wir heute in der Schule haben, hat seine Wurzeln in der Kaiserzeit.

Und der Ausweg?

Ein ketzerischer Gedanke. Ein Tabubruch in Deutschland: Warum dürfen Kinder in allen 16 Bundesländern nicht die gleiche Schuldauer, dieselben Mathe- (Physik-, Chemie-, Deutsch-…) Programme und dazu pro Fach nur ein Lehrbuch haben? So dass die Entwicklung aller Kinder (ausgeschlossen sind sowohl Sonderfälle, die Unterstützung brauchen, als auch junge Genies) gleichberechtigt verläuft.

Kinder werden als Gleiche geboren, und der Staat hat nicht das Recht, ihnen die Möglichkeit der gleichen Entwicklung zu nehmen.

Viktor Timtschenko
Integral №8 (10)
Oktober 2010

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