Viel lustiger als mein Kampf

Politische Inkorrektheit, ist in Mode.

Jüngstes Beispiel: Akif Pirinccis Pamphlet „Deutschland von Sinnen“

In seinem Buch „Deutschland von Sinnen“, das beim berühmten Internetversandhändler Amazon auf Platz Eins der Verkaufscharts kletterte, rückt der durch seine Katzenkrimis („Felidae“) bekannt gewordene Akif Pirincci mit Brachialrhetorik der modernen, offenen Gesellschaft auf die Pelle.

Von Nina May

Das umstrittene Sachbuch erschien in der Verlagsgruppe Manuscriptum, deren Inhaber Thomas Hoof auch Gründer von Manufactum ist. Zwar besteht seit 2007, als Hoof das Warenhaus an die Otto-Gruppe verkaufte, kein gesellschaftsrechtlicher Zusammenhang mehr zwischen den Unternehmen, doch Manufactum fühlt sich jetzt dennoch genötigt, sich von Princcis Thesen zu distanzieren. Sie passten „weltanschaulich nicht ins Programm“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Um Princcis Buch ist eine Debatte entbrannt, die Zeit vergleicht das Pamphlet mit Hitlers „Mein Kampf“. Die „taz“ bezeichnet Pirincci als „männliche Eva Hermann“. Schon der Untertitel „Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ verrät, wie mannigfaltig Pirinccis Feindbilder sind: Seine Querschläger treffen wahlweise den Sozialstaat, Greenpeace, die Partei „Die Grünen“, Gleichstellungsbeauftragte, Organisationen wie „Pro Asyl“, Professoren für Soziologie oder die „linksversiffte Presse“. Die Homoehe bezeichnet er als „schlechten Witz“, Gender Mainstreaming als „Geisteskrankheit“, und Muslime stellt er als Dauer-Vergewaltiger dar. Einigen Ausländern möchte er am liebsten ein Rückfahrticket in die Hand drücken.

Das überrascht, kam der heute in Bonn lebende Autor doch selbst erst im Alter von zehn Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Die Reaktionen auf sein Buch kommentierte er im Gespräch mit den Worten: „Es ist mir scheißegal, welches Etikett man mir verpasst. Außerdem ist mein Buch viel lustiger als mein Kampf.

Pirinccis Romane wie der „Rumpf“ oder die „Damalstür“ – verfilmt mit Heike Makatsch – haben sich millionenfach verkauft und wurden in 17 Sprachen übersetzt. Als politischer Autor trat er bereits im pro-westlichen Weblog „Die Achse des Guten“ hervor.

Mit Katzenkrimis wurde er also berühmt, doch sein erstes Sachbuch kommt nicht auf Samtpfoten daher. Die Sprache ist vulgär, er zielt und trifft unter die Gürtellinie. Er outet sich als „Islamhasser“ und unterstellt den Menschen aus der nichtwestlichen Welt einen geringeren Intelligenzquotienten. Princcis abstruse Begründung: Die „weibliche Selektion“ greife bei muslimischen Frauen nicht, weil sie sich ihren Mann nicht selbst aussuchen dürften. Der Autor greift Thilo Sarrazins evolutionskulturelle Argumentation auf, steigert die kulturpessimistischen Thesen aber bis ins Absurde. Er bezeichnet sich selbst als „Propheten“ und beschreibt über mehrere Seiten ein Horrorszenario aus dem Jahr 2030. In Deutschland herrscht die Scharia, alle Frauen müssen Kopftücher tragen, nur Muslime bekommen Sozialhilfe. „Deutschland von Sinnen“ lautet der Titel, doch das Pamphlet scheint selbst wie im Rausch geschrieben, die heimliche Mitschrift einer Stammtischtirade.

Die Wut steigert sich aus einer doppelten Kränkung: Als Bestseller-Autor muss Pirincci hohe Steuern zahlen, die er in der „bunten Republik“ verschleudert sieht. Deshalb ruft er zur Steuerhinterziehung als „Heldentat“ auf. Ein ganzes Kapitel handelt davon, wie seine Frau ihn verlassen hat und mündet in dem Satz: „Selbstverwirklichung funktioniert beim Weibe nun mal nicht“. Da verwechselt einer persönliche Abrechnung mit Gesellschaftskritik.

Man muss ihn aber insofern ernstnehmen, als seine Thesen rasante Verbreitung erfahren: Binnen zweier Wochen wurden rund 200 000 Exemplare verkauft, die fünfte Auflage ging bereits in den Druck. Pirincci trifft also offensichtlich einen Nerv. Ein schleichender Paradigmenwandel kehrt das Wertesystem um: Wer zündelt, wird zum polarisierenden Helden, wer sich schützend vor Minderheiten stellt, zum „Gutmenschen“ abgestempelt.

Pirincci fühlt sich als Anwalt einer schweigenden Mehrheit. Das „Phänomen Sarrazin“ greift um sich, das Gefühl, die eigene Meinung werde öffentlich unterdrückt. Politisch inkorrekt zu sein, ist in Mode, auch in Künstlerkreisen. Die Bücherpreisträgerin Sibylle Levitscharoff beschimpfte durch künstliche Befruchtung gezeugte Kinder jüngst als „Halbwesen“ und reagierte auf die massive Kritik mit dem Satz: „Ich bin dagegen, dass man Gedanken, die überall ankeimen, ständig unterdrückt“. Am Montag erscheint ihr neuester Roman „Killmousky“, übrigens ein Katzenkrimi.

LVZ, Freitag, den 11. April 2014

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