Gemeinde und Schule bei den russlanddeutschen Mennoniten

Die ersten preußischen Einwanderer in die neu entstehende Täufer-Ansiedlung an der Dnjepr gehörten jeweils den mennonitischen Gemeinderichtungen der sog. „Friesen“ und der „Flamen“ an, die sich insbesondere hinsichtlich ihrer Taufriten unterschieden. Ebenso wie in den westpreußischen Mennoniten-Gemeinden bedingte das enge Zusammenleben beider Gemeinderichtungen in der neuen Kolonie...

Die ersten preußischen Einwanderer in die neu entstehende Täufer-Ansiedlung an der Dnjepr gehörten jeweils den mennonitischen Gemeinderichtungen der sog. „Friesen“ und der „Flamen“ an, die sich insbesondere hinsichtlich ihrer Taufriten unterschieden. Ebenso wie in den westpreußischen Mennoniten-Gemeinden bedingte das enge Zusammenleben beider Gemeinderichtungen in der neuen Kolonie zunächst ernste Spannungen und Streitigkeiten, namentlich unter den Gemeindeältesten. Diese konnten erst nach Jahren und nur unter Vermittlung der westpreußischen Glaubensgeschwister beigelegt werden.

Die Entstehung der sog. „Kleinen Gemeinde“ in der Molotschna-Kolonie

In der 1804 gegründeten Molotschna-Kolonie dagegen gehörten alle Gemeindemitglieder ursprünglich der „flämischen“ Gemeinderichtung an. Dennoch ergaben sich alsbald auch hier interne religiöse Streitigkeiten: 1812 entstand an der Molotschna unter Führung des aus dem Danziger Umland stammenden Mennoniten-Predigers Klaas Reimer (1770-1837) eine separierte Gemeinde, die im Unterschied zur „Großen Gemeinde“ der Ansiedlung an der Molotschna schlicht als „Kleingemeinde“ oder als „Kleine Gemeinde“ bezeichnet wurde. Sie trat entschieden für eine strengere Gemeindezucht und stärkere Absonderung von der Welt ein.

Die Bildung der Mennoniten-Brüdergemeinde

Auch die sich um 1860 ebenfalls zunächst nur in der Molotschna-Kolonie bildende „Mennoniten-Brüdergemeinde“ ging von einem allgemeinem, geistlichen „Verfall“ der mennonitischen Gemeinden in Russland aus und forderte ebenso wie die „Kleine Gemeinde“ eine strengere Kirchenzucht und Abgrenzung von „sündigen“ Gemeindemitgliedern. Die sich vorerst nur in kleinen Hauskreisen organisierenden „Brüder“ standen unter dem Einfluss des pietistischen Pfarrers Eduard Wüst (1818-1859), der vornehmlich jedoch unter benachbarten russlanddeutschen Lutheranern und separierten Pietisten gewirkt hatte.

Der Streit um die Taufpraxis der Mennoniten-Brüdergemeinde

Auch die brüderliche Erweckungsbewegung stand von Anfang in einem äußerst gespannten Verhältnis zur „kirchlichen“ Großgemeinde an der Molotschna. Hierzu trug auch die veränderte Taufpraxis der Brüdergemeindler bei: In den Brüdergemeinden wurden erwachsene Täuflinge bei der Taufe gänzlich untergetaucht. Auch Neumitglieder aus der „Großgemeinde“ wurden auf diese Weise wiedergetauft. Schließlich schalteten sich auch die russischen Behörden in den Streit ein: Die Frage stand im Raum, ob die sich absondernde, pietistisch-geprägte Brüdergemeinde überhaupt noch als mennonitisch gelten könnte. Erst 1862 erhielt die Mennoniten-Brüdergemeinde die behördliche Erlaubnis, unbeschadet ihrer bürgerlichen Privilegien als Mennoniten unabhängige Gemeinde gründen zu dürfen. 1872 bildete sich bereits eine „Mennoniten-Brüder-Bundesgemeinde“ als Dachorganisation brüderlicher Gemeinden in den Hauptsiedlungen Chortitza, der Molotschna sowie einer mennonitischen Kolonie im Kaukasus ("Am Kuban").

Gemeinsame religiöse Überzeugungen der Mennoniten

Insgesamt setzten jedoch alle russlanddeutschen Gemeinden während des 19. Jahrhunderts die täuferischen Traditionen der westpreußische Stammgemeinden, mit denen diese auch stets in reger Verbindung standen, fort. Neben den Prinzipien urchristlicher Gemeindeordnung und den Grundsätzen eines christlich-täuferischen Pazifismus betraf dies in der Wahrnehmung ihrer russisch-orthodoxen und deutsch-lutherischen Nachbarn gerade auch ihre charakteristischen Bethäuser. Diese verfügten als Ausdruck der religiösen Demut und Schlichtheit der „Frommen“ weder über einen Turm noch über ein Glockengeläut.

Das mennonitische Schulwesen

Ein weiterer wichtiger verbindender Faktor in den Kolonien bildete auch das mennonitische Schulwesen. Neben der Vermittlung der gemeinschaftlichen religiösen Grundsätze der Mennoniten richtete sich dieses relativ früh auf die sich zunehmend ausdifferenzierenden ökonomischen Anforderungen der Kolonien aus. In der Folge bildete sich bei den Mennoniten ein überaus fortschrittliches Schulsystem heraus, dass sich deutlich von den Schulen benachbarter deutschsprachiger Ansiedler lutherischer oder katholischer Konfession unterschied. Seit den 1880er Jahren suchten russische Behörden jedoch gezielt auf die entstandenen deutschsprachigen, bzw. zweisprachigen Schulen und ihre Lehrpläne einzuwirken. Sowohl bei den Mennoniten, als auch in den Ansiedlungen russlanddeutscher Lutheraner und Katholiken, beispielsweise in den Siedlungen an der Wolga. Alle Fächer, außer Deutsch und Religion, sollten zukünftig, so die Weisungen der Behörden, ausschließlich in russischer Sprache unterrichtet werden. Dies sorgte in den Dörfern und Kolonien für große Unruhe und konnte aus Mangel an russischsprachigen Lehrern ohnehin kaum bewältigt werden. Trotz aller behördlichen Widerstände konnte gerade bei den Mennoniten ein geschlossenes deutsch-russisches Schulsystem entwickelt werden, zu dem um 1900 auch ein überwiegend zweisprachiges mennonitisches Gymnasium sowie zahlreiche Dorfschulen und Lehrerseminare im ganzen Land gehörten.

Mennonitische Wohlfahrtseinrichtungen

Das russlanddeutsche Kolonie-Mennonitentum wies auch hinsichtlich seiner verschiedenen sozialen Fürsorgeeinrichtungen eine für das 19. Jahrhundert bemerkenswerte Fortschrittlichkeit auf, die vor allem auch den fortgesetzten Kontakten der "Russländer" mit mennonitischen Gemeinden in Mittel- und Westeuropa geschuldet war. Die Gründung von Krankenhäusern, Diakonissenheimen, Armen- und Waisenhäusern und selbst Schulen für Taubstumme wirkte dabei weit über den engeren Kreis der mennonitischen Kolonien hinaus. Neben dem Wirken typischer christlich-täuferischer Ideale waren diese Einrichtungen gerade im Hinblick auf ihren kostenintensiven Unterhalt auch eine direkte Folge der enormen wirtschaftlichen Expansion der russländischen Kolonien während des 19. Jahrhunderts.

Quelle

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