Pfarrer Jakob Riffel

Am Karsamstag, dem 5. April 1958, kam er von Macia, wo er Gottesdienste mit Abendmahlsfeiern gehalten hatte, nach Licas-Gonsalez, um hier am Ostersonntag die Gottesdienste zu halten. Bei der Überlegung der Osterfestpredigten der Nimmerrastende im Hotel zusammen und wurde sofort ins Hospital gebracht. Er war noch bei klarem Bewußtsein und unterhielt sich, innerlich froh und getrost, mit dem Arzt, der ihn nach zwei Stunden verließ, ohne zu ahnen, daß es zu Ende ging, auch die Schwester entfernte sich auf ein paar Minuten. Als sie wieder zurückkam, war Pfarrer Jakob Riffel still und friedevoll heimgegangen – er hatte seinen Erdenlauf vollendet.

Ein Pionier der Russlanddeutschen am Rio de La Plata in Argentinien
Von Johannes Schleuning

Am Karsamstag, dem 5. April 1958, kam er von Macia, wo er Gottesdienste mit Abendmahlsfeiern gehalten hatte, nach Licas-Gonsalez, um hier am Ostersonntag die Gottesdienste zu halten. Bei der Überlegung der Osterfestpredigten der Nimmerrastende im Hotel zusammen und wurde sofort ins Hospital gebracht. Er war noch bei klarem Bewußtsein und unterhielt sich, innerlich froh und getrost, mit dem Arzt, der ihn nach zwei Stunden verließ, ohne zu ahnen, daß es zu Ende ging, auch die Schwester entfernte sich auf ein paar Minuten. Als sie wieder zurückkam, war Pfarrer Jakob Riffel still und friedevoll heimgegangen – er hatte seinen Erdenlauf vollendet.

Die Osterfeiern, auf die sich die Gemeinden gefreut hatten, sollten zu Trauergottesdiensten werden. In Windeseile verbreitete sich die Todesnachricht in den Gemeinden. Schon lange vor Beginn der Trauerfeier am Osternachmittag war die schöne große Kirche in Colonia La-Esperanza, wo die Leiche des Ortspfarrers aufgebahrt war, überfüllt. Viele mußten außerhalb des Gotteshauses an der Feier teilnehmen. Von weit und breit waren nicht nur Russlanddeutsche herbeigeströmt, um dem verehrten Seelsorger das letzte Geleit zu geben, sondern auch Eingeborene, die den Pfarrer verehrten. Vier Amtsbrüder waren trotz eigener Gottesdienste noch herbeigeeilt, um Leben und Dienst des Heimgegangenen zu würdigen.

Mit dem Osterliede „Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland ist im Leben“ begann die Feier. Pfarrer A. R i c h t e r sprach als erster über das Wort Lucas 2, 29 und 30: „Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast; denn deine Augen haben Deinen Heiland gesehen“. „Ein treuer Diener des Herrn ist heimgegangen“, rief er u. a. aus. Pastor Jakob Riffel gehörte noch zu der alten Pfarrergarde Rußlands. Fast militärisch streng wurde jeder Geistliche für sein schweres Amt vorbereitet. An dieser Form hielt der Entschlafene auch hierzulande zäh fest und pflegte das Christentum echt lutherischer Prägung, wo er nur konnte. Die Gottesdienste und Abendmahlsfeier, die er hielt, trugen deutlich den Stempel seiner Wolgaheimat. Das Wolgagesangbuch, ebenso auch das Gemeinschafts-Liederbuch findet sich in Entre-Rios in jedem Hause der Gemeindeglieder“. In den Reden der vier Pfarrer tritt das Bild des Verstorbenen, das Bild eines unermüdlichen Kämpfers für Christentum und Evangelium deutlich vor die Seelen der Trauerversammlung. Auch wir wollen uns dies Bild in dem hier folgenden lebendig vor die Augen stellen lassen.

Als Riffel vor 4 Jahen nach 30jährigem Dienst in Argentinien zur Aufbesserung seiner Gesundheit in Deutschland weilte, veröffentlichte Dekan S c h w a b, ebenfalls Wolgadeutscher, einen Artikel im Gustav-Adolf-Werk, der mit folgenden Worten den Vorkämpfer für seine Argentiniendeutschen begrüßte: „Eine amerikanische Zeitschrift, die sich einmal mit den Wolgadeutschen befaßte, hat diesen u. a. folgende Charaktereigenschaften zugesprochen: Mut, Tapferkeit, Fleiß, Ausdauer, Beharrlichkeit, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Wahrhaftigkeit, Treue und Zuverlässigkeit. Sollten die Wolgadeutschen damit zutreffend charakterisiert sein, dann ist Pastor Jakob Riffel, dem diese Zeilen gewidmet sind, fraglos ein echter Sohn seiner alten Heimat, denn in seiner Person finden sich alle diese Eigenschaften in vorbildlicher Weise vereinigt“.
Werfen wir einen Blick auf seinen Lebensweg. Er hat sich, wie so mancher Wolgadeutsche, schwer hindurchringen müssen, bis er den Weg zu dem ersehnten Dienst für sein Volk betreten und zu Ende gehen konnte. Über seinen wechselvollen Schulweg, der mit dem häufigen Aufenthaltswechsel seines Vaters verbunden war, berichtet er selbst in einem Briefe an einen Wolgadeutschen: „Bin geboren am 21.3.93 alten Stils, oder 3.4.1893 neuen Stils in Blumenfeld, Gouv. Samara, aufgewachsen bis 1905 in Awilowo bei Kamyschin, dann waren meine Eltern von 1905 bis 1912 in Beideck (Talowka) im Armenhaus, von dort gingen die Eltern nach Moskau 1912-1915 und dann, nachdem die Mutter gestorben war, ging der Vater wieder zurück in seine Heimatkolonie Schtscherbakowka und später nach Neu-Schilling als Schulmeister. Dort ist er auch 1918 gestorben. Ich lernte zunächst beim meinem Vater in Awilowo, dann ein Jahr in Kamyschin in der Gemeindeschule bei Lehrer Thaler und Schulmeister Kromm, 1905-1911 besuchte ich die Grimmer Zentralschule, 1911-1913 das Progymnasium in Katharinenstadt, 1913-1915 die Petri-Pauli-Kirchenschule in Moskau, 1915-1917 die med. Fakultät der Universität Moskau, 1917 bis 1918 war ich in Jalta in der Krim bei Baron Ernst von Stackelberg (der Bruder des Zeremonienmeisters) Hauslehrer; dann war ich 1918 bis 1923 in Deutschland, studierte Theologie und wollte dann zurück nach Rußland, wurde aber nicht reingelassen“.

Aus dem Verzeichnis der Schulen und des häufigen Wechsel des Wohnortes, damit verbunden das sich immer von neuem Einfügen in die veränderten Schul- und Lebensverhältnisse, ersehen wir schon, wie schwer der Weg war, den Riffel bis zur Vollendung seiner schulischen Bildung zu gehen hatte. Erst mit dem Besuch der Grimmer Zentralschule betritt er einen festeren Weg, den er nun auch zielstrebig 6 Jahre hindurch, also bis zur Abschlußprüfung gehen konnte. Er tritt aber nach Beendigung dieser Schule weder eine Lehrer- noch eine Schulmeister- oder die eines Dorfschreibers an, wie man es von einem unbemittelten Jungen hätte erwarten können, sondern bleibt Schüler und hat noch das Glück 2 Jahre in einer unserer bedeutendsten evangelischen Kirchenschule, des Moskauer Petri-Pauli-Gimnasiums zu besuchen und hier sein Abitur zu machen. Hier aber klärt und verstärkt sich in ihm der Wille, um jeden Preis bis zum Universitätsstudium zu kommen. Das war für einen unbemittelten Kolonistensohn ein hohes Ziel, das nur mit zäher Energie und strengster Selbstzucht erreicht werden konnte. Er ist früh gezwungen, schon als Schüler der Grimmer Zentralschule, Stunden zu geben und diese Nebenbeschäftigung auch während seiner Studienzeit fortzusetzen. Das medizinische Studium, das er zunächst wählte, konnte ihn aber nicht befriedigen, jedenfalls nicht in der Form, wie es hier betrieben wurde, zumal der Deutschenhaß während des ersten Weltkrieges hohe Wellen schlug.
1917 aber erlebte er in Moskau die große politische Wendung durch die Revolution. Das Erlebnis derselben, besonders die Wende, die zunächst für die Deutschen eintrat, machte einen tiefen und bleibenden Eindruck auf ihn. Er erlebte, daß die verfolgten Deutschen nach dem Freiheitsmanifest der ersten Revolutionsregierung die Ketten von sich werfen und sich zugleich zu einem großen Verband der Russischen Bürger Deutscher Nationalität zusammenschließen konnten. Er erlebte mit anderen deutschen Studenten, die als Gäste den Beratungen beiwohnen konnten, die beiden großen Kongresse dieses Verbandes in Moskau und begrüßte mit seinen Kameraden den „deutschen Frühling in Rußland“ in heller Begeisterung. Er trat auch dem Nestor der Zusammenschlußbewegung des Rußlanddeutschtums, Herrn Prof. Dr. L i n d e m a n n, (s. Meinen Artikel über Prof. Lindemann im Heimatbuch der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland Jahrgang 1957) näher und bekam von ihm weiterwirkende Anregungen. Drei Lehrern widmet Riffel später sein Buch „Die Rußlanddeutschen“: Herrn Karl D o r s c h, dem ehemaligen Leiter der Grimmer Zentralschule an der Wolga, Herrn Hermann P a c k, dem ehemaligen Direktor der Petri-Pauli-Kirchenschule zu Moskau und Herrn Prof. Dr. Carl Lindemann, dem Freunde und Vater der Russlanddeutschen“ in tiefer Verehrung und Dankbarkeit“. Damit nennt er drei Männer, die bestimmend waren für sein Leben. Denn ihr Einfluß wirkt in seiner späteren Tätigkeit lebendig nach.

Riffel in Deutschland

Das Jahr in Jalta am Schwarzen Meer als Hauslehrer (1917-1918) bei Ernst Baron von Stackelberg erweitert seinen Gesichtskreis und verschafft ihm zuletzt die Möglichkeit von hier aus nach Deutschland zu entkommen. Der Bolschewismus hatte inzwischen solche Ausmaße angenommen, daß an ein Studium in Rußland in absehbarer Zeit nicht zu denken war und zudem jeder, der als Gegner desselben galt, sein Leben bedroht fühlen mußte. Riffel hatte sich mit seiner Hauslehrerstelle soviel erspart, daß er sich die erste Zeit in Deutschland über Wasser halten konnte. Er kam zu einer Zeit nach Berlin, in der zahlreiche Rußlanddeutsche dort eintrafen, um ihr Leben vor dem Bolschewistenterror zu retten, der in diesen Monaten ungezählte Opfer verlangte. Keiner war seines Lebens mehr sicher in unseren Heimatdörfern. Der Bürgerkrieg, die Aufstände gegen die bolschewistische Gewaltherrschaft war auch in unsere sonst so friedlichen Dörfer eingedrungen, wurde aber blutig niedergeschlagen. Die Hoffnung unserer Landsleute, daß Deutschland unter Berufung auf den Brest-Litowsker Friedensvertrag unsere Kolonien retten könnte, war seit der deutschen Niederlage im Westen und der Waffenstreckung kläglich gescheitert. Deutschland stand durch die Revolution im Innern am Rande des Abgrundes. Es war ein schmerzlicher Empfang, den die alte Heimat ihren heimkehrenden Auslandskindern bereitete. Wie froh waren wir paar Männer, die jetzt zur Selbsthilfe griffen und sich in regionalen Vereinen und später in einem Zentralkommitee der Rußlanddeutschen organisierten, über jeden Landsmann, der sich uns zur Hilfeleistung und Mitarbeit anbot. Riffel war ein solcher junger Mitkämpfer. Er stellte seine Kräfte dem Verein der Wolgadeutschen zur Verfügung und war nicht nur mit dem Herzen dabei, sondern auch stets mit praktischen Ratschlägen und nimmermüder Einsatzbereitschaft.
Aber er verlor dabei sein Ziel, das er sich nach allem inzwischen Erlebten gesetzt hatte, nicht aus den Augen: Er wollte Theologie studieren! Er war zu der Überzeugung gekommen, daß unser Volk, nachdem alle irdischen Stützen zerbrochen waren, die geistlichen Führer, die zugleich blutsverbunden waren mit ihrem Kolonistenvolke, nötiger denn je brauchte. Dies umsomehr, als wir damals doch noch die stille Hoffnung hegten, einmal, wenn der Sturm der Revolution sich ausgetobt hatte, wieder zurückkehren zu können in unsere Kolonien um dort das Zerstörte wieder aufzubauen und zu neuem Leben zu erwecken.

Am 1. November 1918 wurde er an der Marburger Universität als stud. Theol. immatrikuliert. Der Gustav-Adolf-Verein half ihm über die schwerste Zeit mit einem Stipendium hinweg. Später, als der Verein der Wolgadeutschen für unsere studierenden Flüchtlinge dank der Vortragstätigkeit unserer Delegierten (Pastor Schneider in Kanada und der Verfasser dieses in den USA) unter unseren Landsleuten in Amerika Mittel zur Verfügung stellen konnte für unsere in Deutschland studierende Jugend, durfte auch Riffel mit dieser Unterstützung rechnen.

Nach Argentinien

Am 21. Februar 1923 bestand er seine Prüfung vor der theologischen Fakultät in Marburg. Am 21. Oktober war er im Auftrage des Sächsischen Landeskonsistoriums bereits von Pastor Walter, dem bekannten Pastor und Konsistorialrat in Moskau, ordiniert, der seit 1918 ebenfalls mit seiner Familie Moskau verlassen und in Dresden eine neue Pfarrstelle gefunden hatte. Riffel mag es dankbar empfunden haben, daß ihn ein rußlanddeutscher Geistlicher, den er schon als Schüler und Student in Moskau kennen und schätzen gelernt hatte, für sein seelsorgerisches Amt ordinieren konnte.

Der junge Vikar stellte jetzt wieder, fast ein Jahr lang seine ganze Kraft in den Dienst seiner Landsleute als Mitarbeiter in unserem Verein, der ihm im Jahre 1923 einen besonders verantwortungsvollen und großen Auftrag erteilte: Riffel sollte als Delegierter und Vertrauensmann der Wolgadeutschen nach Argentinien gehen, die dortigen Landsleute aufsuchen und sie zur Hilfeleistung für die Notleidenden in der alten Heimat organisieren – in ähnlicher Weise, wie das schon die Delegierten in den USA getan hatten. Er übernahm gerne die schwere Aufgabe. Als er jedoch in Argentinien Fuß gefaßt und die Lage der dortigen Siedler aus den Wolgakolonien einigermaßen überschauen konnte, änderte er seine Absicht, mit der er hierher gekommen war, und beschloß, mit Zustimmung seiner Auftraggeber, hier im Lande zu bleiben und sich der führerlosen und vereinsamten Landsleute anzunehmen. Er ging ihm wie einst Moses, der „hinab ging“ zu seinen Brüdern und dort erst ihre Not sah und hier den Ruf Gottes vernahm, diesem Volk Führer zu sein aus seiner Not. Die rußlanddeutschen Siedler in Argentinien hatten zwar ihr täglich Brot, aber wie ziel- und führerlos waren sie alle in geistiger und völkischer Hinsicht. Wie spürte hier Riffel in jeder Gemeinde, in der er seinen Vortrag über die Lage in der alten Heimat hielt, die brennende Teilnahme seiner Zuhörer an der Katastrophe der Brüder in Rußland, während ihm, dem Vortragenden, jetzt die Not seiner Zuhörer, der Wolgadeutschen in Argentinien, ans Herz griff, wenn die hiesige Not auch nicht zu vergleichen war mit der Lage der Rußlanddeutschen in Rußland. Er hörte den Ruf wie einst Paulus: „Komm herüber und hilf uns“ (ApG 16, 9) bis er den Entschluß faßte, hier unter seinen Landsleuten zu bleiben und ihnen seine Kräfte zu widmen.

Am Rio de La Plata fand er bald die Gemeinde, von der aus er seinen Landsleuten dienen wollte: Die wolgadeutsche Gemeinde Lucas-Gonzalez (Entre Rios), zur deutschen evangelischen La-Plata Sinode gehörig, die dem Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin unterstellt war. Es fügte sich, daß der Beauftragte des Evangelischen Oberkirchenrates, Superintendent Paul Krätzke, die Gemeinden in Argentinien bereiste und es einrichten konnte, daß er am 24. Mai 1924 Riffel in seiner neuen Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung der Orts- und Nachbargemeinden in sein Amt in eindrucksvollster Weise einführen konnte. Riffel hatte damit eine große Aufgabe übernommen. Die Gemeinde setzte sich aus vier Siedlungen zusammen. Ein weites Arbeitsfeld eröffnete sich hier dem jungen Pfarrer, das er als guter Sämann im Vertrauen auf den Segen des Himmels energisch in Angriff nahm.

Auch in seinem rein pesönlichen Leben war kurze Zeit nach seiner Einführung in sein Amt ein Ereignis eingetreten, durch das er sich den festen Stützpunkt im fremden Lande schaffen, und von dem aus er seine Arbeit immer weiter ausdehnen konnte. Am 23. Juli desselben Jahres schloß er die Ehe mit Lydia Heyne, die er bereits in seinen Schülerjahren in Katharinenstadt an der Wolga kennen und schätzen gelernt hatte. Er war seitdem mit ihr in brieflicher Verbindung geblieben. Durch seine Flucht nach Berlin waren Beide voneinander getrennt. Es hatte jahrelanger Bemühungen bedurft, bis auch Lydia ihrem Freunde nach Argentinien folgen konnte. Sie ist ihm im fremden Lande zur treuen Helferin und zur Heimat geworden. Siebzehn Jahre hindurch, vom 25. Mai 1924 bis zum 30. September 1941 war er in dieser Gemeinde tätig, bis er einer Berufung an eine größere Gemeinde, Santa Antonio, folgte. Die Gemeinde hatte allein 14 Predigtstellen, die z. T. weit auseinander lagen.

Um dem Leser einen Begriff zu geben von den Verhältnissen, unter denen der Pfarrer hier zu arbeiten hatte, geben wir folgende Einzelheiten über die Gemeinden Lucas Gonzalez und Santa Antonio bekannt. Die erstere hatte 4 Predigtstätten, die Seelenzahl betrug in La Esperanza 520 konfirmierte Mitglieder, Galaza 200 und Macia 300. Die Gemeinden bestehen aus Rußlanddeutschen, hauptsächlich Wolgadeutschen. Nichtdeutsche wohnten nur vereinzelt in diesen Siedlungen. Die Gemeinde Santa Antonio war bedeutend größer und die Arbeit für einen einzelnen Pfarrer fast unübersehbar. Aus einem kirchlichen Fragebogen über die Verhältnisse in der Gemeinde sei folgendes mitgeteilt: Der Pfarrer hat elf Gemeinden zu bedienen mit rd. 400 Familien und 1500 konfirmierten Mitgliedern. Nur die größeren Gemeinden seien genannt, San Antonio mit 335 Beitrag zahlenden Mitgliedern (80 Familien), San Juan 183 Mitglieder (54 Familien), Basabilvaso 214 (62). Kirchlich zu betreuen waren aber nicht nur diese beitragzahlenden Gemeindeglieder, sondern rd. 5000 Seelen (Erwachsene und Kinder). Nach der sozialen Gliederung gab es darunter Landeigentümer, Pächter, Handwerker und Arbeiter. Es handelte sich hauptsächlich um eine bäuerliche Bevölkerung. Die Gemeinde erstreckte sich von Nord nach Süd über 200 km und von Ost nach West über 50 km. An Kirchengebäuden hatte die Gemeinde 9 Stellen. In Privathäusern werden in 2 Gemeinden Gottesdienste gehalten.

Die Pfarrerfamilie wohnte seit 1944 wegen der Erziehung der Kinder in der Departement-Stadt Gualaguaychu S. R. Santa Fe. In mehreren Gemeinden hatte der Pfarrer eine Wohnstube bei der Kirche, sonst wohnt er bei seinen Amtsfahrten in Privathäusern. Den Konfirmandenunterricht erteilt er 4-5 Wochen lang an Vor- und Nachmittagen bis zu 4 und 5 Stunden täglich an 10 Orten, alle 2 oder 3 Jahre kam jede dieser Gemeinden an die Reihe, aber nur dann, wenn mindestens 12 Kinder zu einem Unterricht zusammenkamen.
Schwer belastet wurde die Arbeit dadurch, daß es sich hier um ein subtropisches Klima handelt. Der Sommer ist heiß (bis 42° C), die Luft feucht. Im Winter frieren die Menschen, obwohl die Temperatur selten unter 0 fällt, weil sie durch die Hitze verweichlicht sind. Tropentauglichkeit ist für jeden erforderlich, der hier längere Zeit Dienst tun will.
Die Gottesdienste wurden hauptsächlich in deutscher Sprache gehalten, nur ab und zu wurde eine Amtshandlung in Spanisch begehrt.
Zu seiner seelsorgerischen Arbeit kam Riffels immer umfangreicher werdende kultur- und volkspolitische Tätigkeit, die sich über alle Rußlanddeutschen von ganz La Plata erstreckte.
Nach sechszehnjähriger Tätigkeit an dieser Gemeinde hatte er seine Kräfte so verbraucht, daß er sich gezwungen fühlte, abzubauen und sich aufs Notwendigste zu beschränken. In dieser Stimmung meldete er sich wieder bei seiner ersten Gemeinde Lucas-Gonzalez, in der ihm aber nur noch eine kurze Frist zur Arbeit beschieden war – und er abberufen wurde aus der Unruhe der Zeit in den Frieden der Ewigkeit. Am 1. August 1957 hatte er den Dienst an der alten Gemeinde, die sich freute, ihn wieder zum Seelsorger zu haben, wieder aufgenommen, und schon am 5. April des folgenden Jahres riß ihn ein plötzlicher Tod mitten aus der Bahn.
„Ihn jammerte des Volkes“ – heißt es von Jesus; wir können dies Wort gewiß auch auf Pfarrer Riffel Entschluß, in Argentinien zu bleiben, anwenden. Als er das letzte Mal in Deutschland war – 1955 - , fragte ich ihn, ob er nicht doch wenigstens seine Ruhestandsjahre in Deutschland verbringen wollte, verneinte er diese Frage: „Solange ich noch arbeiten kann, brauchen mich die deutschen Gemeinden in Argentinien, dort will ich die Arbeit fortsetzen, bis mir Gott das Werkzeug aus den Händen nimmt.“ Er war in Argentinien geblieben, „um seinem Volke nächst Gott zu dienen“, schreibt er im Vorwort zu seinem Buch „Die Rußlanddeutschen“.

Volkstumsarbeit

Riffel beschränkte sich daher in Argentinien zu keiner Zeit nur auf die pfarramtliche Tätigkeit, sondern war unablässig bemüht, die zerstreuten Russlanddeutschen zu sammeln, ihnen etwas Gemeingefühl anzuerziehen. Unter dem Wort „mein Volk“ hat er nie bloß an die Wolgadeutschen gedacht, denen er erstammte, sondern an alle zerstreuten Rußlanddeutschen – die Schwarzmeerdeutschen wie an die Wolhynier und Bessarabier. Ebenso hat er bei seiner kulturpolitischen Arbeit nicht eng konfessionell gedacht, sondern an die Evangelischen wie die Katholiken, die sich zum Deutschtum bekannten.

Schon bald kam ihm der Gedanke, daß er eine Zeitschrift haben müßte, um seine Anregungen einem weiteren Kreise zugänglich zu machen. Eine Zeitschrift – das schwebte ihm vor – sollte er haben, wie sie die Rußlanddeutschen in Berlin geschaffen hatten. Aber dazu fehlte es an Mitteln. Er griff zunächst zu einem Notbehelf. Die evangelische La Plata-Synode gab ein Evangelisches Gemeindeblatt für die evangelischen Gemeindemitglieder heraus. Er trat mit dem Herausgeber in Verbindung und erreichte, daß ihm in diesem Blatt ein bescheidener Raum – zwei Seiten – für seine Aufgabe zur Verfügung gestellt wurde, den er überschrieb: „Rußlanddeutsche Ecke“. So konnte er wenigstens die wichtigsten Nachrichten aus der alten Heimat und aus den La Plata mitteilen und damit schon das Interesse seiner Leute für ein eigenes Blatt wecken, die „Rußlanddeutsche Ecke“ sollte nur ein Anfang sein.

Der Gedanke, das gemeinsame Blatt zu schaffen, lies ihn nicht ruhen, bis er am 1. April 1929 es wagen konnte, mit dem Wochenblatt „Der Rußlanddeutsche“ herauszukommen. Aber wie mußte er sich dabei abrackern. Er hatte die erste Zeit nicht nur den Inhalt des Blattes allein zu bestreiten, sondern auch alle technischen Arbeiten durchzuführen, vom Setzer bis zum Korrektor und Expedienten und schließlich bis zur Beschaffung einer eigenen Druckerei, der „Imprenta Gutenberg“. Aber er ließ nicht ab von seinem Ziel, bis er es – in der eigenen Druckerei dahin gebracht hatte, ein, wenn auch nur kleines Blatt in Händen zu haben, das er nun hinausgehen ließ an die rußlanddeutschen Gemeinden als Weckruf zum Zusammenschluß zur Wahrung des Vätererbes in Region, Sprache und Sitte. Seine Einführungsworte, mit denen die erste Nummer hinausging, kennzeichnen den schlichten Volksmann, der es versteht, in gewinnender, einfacher Weise mit dem Volke zu reden. Wir bringen im folgenden einen kurzen Auszug aus dem ersten Artikel dieses Blattes: „Zum ersten Male tritt heute „Der Rußlanddeutsche“ seine Wanderung an. Er wird in manches Haus einkehren und um freundliche Aufnahme bitten. Nimm ihn auf! Wohl ist er nur ein bescheidenes Kampgewächs; sein Sinnen und Streben geht auch gar nicht hoch hinaus, sondern in einfachem , schlichten Gewand möchte er einfachen, schlichten Leuten ein guter Kamerad sein, der sie in ihrer Einsamkeit des Kamplebens aufsucht, ihnen das Neueste erzählt, woran sie Interesse haben, sie unterhält und vielleicht auch nach seinen bescheidenen Kräften belehrt.

Schon der Name sagt es, für wen das neue Blatt bestimmt ist. Es soll den hier am La Plata ansässigen Rußlanddeutschen dienen. Es handelt sich also um einen deutschen Volksstamm, dessen Vorfahren vor längerer oder kürzerer Zeit aus Deutschland nach Rußland ausgewandert sind. Die neue Umgebung ist an ihnen nicht spurlos vorübergegangen; wenn sie auch in Sprache, Wesen, Sitten und Gebräuchen deutsch geblieben sind, so hat der Aufenthalt in Rußland einen gewissen Einfluß ausgeübt. Es gibt Reichsdeutsche und Auslanddeutsche: Je nach der Heimat in Rußland unterscheiden wir Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche oder Südrußländer, Bessarabier, Kaukasusdeutsche, Sibirier, Wolhynier u. a. Für sie alle ist dieses Blatt bestimmt.

Da die Rußlanddeutschen hier am La Plata den verschiedensten Konfessionen angehören, so soll ihr Blatt interkonfessionell sein, um keinen abzustoßen. Interkonfessionell heißt aber in diesem Falle keineswegs konfessionslos. Ein christlicher Geist soll und wird unser Blatt durchwehen, wenn wir dies auch nicht mit Trompetenstimme bei jeder Gelegenheit zu Gehör bringen werden. Der Name sagt uns, daß wir Deutsche sind, deshalb heißt es „Rußlanddeutscher“ und nicht “Deutschrusse“. Genau wie es im Deutschen Reiche nicht nur einfach Deutsche gibt, sondern ein jeder noch an seiner speziellen Heimat besonders hängt, der eine an Hessen, der andere am Rheinland, Sachsen, Bayern, Württemberg, Preußen usw., ebenso hängen wir Rußland-Deutsche an unserer Heimat, am Ort, wo unsere Wiege stand, oder die unserer Eltern, die Mutter mit uns deutsch redete, uns deutsch beten und singen lehrte.

Diese Anhänglichkeit an die alte Heimat soll der neuen nicht zum Nachteil gereichen. So wie wir Alten an unserer einstigen Heimat hängen, so möchten wir, daß unsere Kinder mit der ihrigen verwurzeln. Das geschieht allerdings nicht durch Verächtlichmachung dessen, was uns Alten teuer und heilig. Unsere Jugend soll wissen, von wo ihre Väter gekommen sind, was sie waren, und wie sie das geworden. – Durch die besondere Geschichte und das eigene Schicksal hat das Rußlanddeutschstum auch hier am La Plata (Argentinien, Uruguay und Paraguay) ein eigenes Gesicht. Das hier mehr oder weniger allen Kampbewohnern gemeinsame Schicksal „setzt zwar den Hebel an“, hat aber bisher noch längst nicht alle gleich gehobelt. Dieser Besonderheit des Rußlanddeutschtums will unser Blatt Rechnung tragen“.

Um das Blatt recht billig herstellen zu können, mußte die ganze Familie zur Mitarbeit herangezogen werden: Die Frau Pastor, die vier Söhne und die Tochter. Sie alle mußten den Dienst am Rußlanddeutschtum an der Druckmaschine aufnehmen.

Selbstverständlich hat es trotz der großen Loyalität dem Gastvolk und dem Lande gegenüber, wie es in obigem zum Ausdruck kommt, während des zweiten Weltkrieges an Hetze gegen das „deutsche Blatt“ nicht gefehlt. Dadurch wurde erreicht, daß das Blatt, das 16 Jahre hindurch den Rußlanddeutschen gedient hatte, doch noch zu guter Letzt 1945 verboten wurde. Aber der nimmermüde Realpolitiker fand aus jeder Schwierigkeit einen Weg, so auch hier. Er ließ nach dem Verbot seines Blattes, kurz entschlossen, mehrere Monate hindurch „Pastoralblätter“ erscheinen, bis ihm am 2. Oktober desselben Jahres wieder die Genehmigung der Herausgabe eines neuen Volksblattes erteilt wurde. Seit diesem Datum erscheint „Der Landbote“ und trägt bis zum Tode seines Gründers dessen Gedanken und Anredungen sowie ernste Mahnungen und jetzt auch wertvolle Ratschläge und Anregungen für die Landwirtschaft hinaus in die verstreuten Gemeinden und legt sich als unsichtbares Band um diese.

Mit der Zeit erwuchsen ihm auch Mitarbeiter. Die Kolonisten fingen an, sich an der Ausgestaltung des Blattes durch Einsendungen von Mitteilungen über Gemeinde- und Familienereignisse, wenn es sich zunächst auch nur um Sterbefälle, Trauungen, Geburten, Ernteaussichten u. ä. handelte.

Das  Wolgagesangbuch

Riffels eigene Druckerei “Gutenberg” stellte sich aber bald eine neue wichtige Aufgabe: Der Druck eines Gesangbuches. Die evangelischen Wolgadeutschen vermißten seit Jahren schmerzlich ihr Heimatgesangbuch, das an der Wolga in keinem evangelischen Hause fehlte. Es hatte immer seinen Platz neben der Bibel, und man kannte es besser als Bibel. Die bei der Auswanderung mitgenommenen Gesangbücher waren längst zerlesen und verbraucht. Solange es noch eine freie evangelische Kirche im Wolgagebiet gab, konnten sie das Gesangbuch auch von dort beziehen, aber dort gab es keine freie Kirche mehr und gab damit auch keine Gesangbücher mehr. Der Mangel an Gesangbüchern wurde in Argentinien immer empfindlicher. Auch hier mußte Riffel den Sprung ins Ungewisse tun und das Risiko der Herausgabe des ersehnten Wolgagesangbuches wagen, war dasselbe doch ein Stück Heimat für die Leute, das sich seit vielen Jahren in den Wolgakolonien fest eingebürgert hatte. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die evangelisch-lutherische Gesamtsynode des Wolgagebiets auf Anregung ihres Superintendenten, Prof. Dr. Feßler, in jahrelanger, mühsamer Arbeit ein neues Gesangbuch für die aus verschiedenen Landeskirchen Deutschlands zusammengesetzte evangelische Bevölkerung an der Wolga herausgegeben, unter dem etwas langen Namen: „Sammlung christlicher Lieder für die häusliche und öffentliche Andacht, zum Gebrauch der deutschen evangelischen Kolonien an der Wolga, zusammengetragen von den Predigern derselben“. Das Gesangbuch enthielt 823 Lieder mit einem Anhang von Gebeten für verschiedene Zeiten und Schicksale. Es war ein stattlicher Oktavband. Die Lieder waren den verschiedenen Gesangbüchern, wie sie aus verschiedenen Landeskirchen mitgebracht waren bei der Auswanderung nach Rußland, entnommen, ein großer Tel dem Marburger und dem der Brüdergemeinde. War auch eine Reihe weltlicher Lieder, wie sie dem Geschmack der Zeit entspache, mitaufgenommen worden, das Gesangbuch enthielt doch auch die wichtigsten kraftvollen Glaubenslieder unserer evangelischen Kirche.

Dies Buch war wie kein anderes außer der Bibel eine unerschöpfliche Quelle des Segens, des Trostes und der Glaubenskraft für unsere Kirche. Es hat in guten und bösen Tagen zu den Herzen der Wolgadeutschen gesprochen, ob im dicht besetzten Gotteshause, wo alle mit vollem Stimmaufwand ihrem Gefühl so starken Ausdruck gaben, daß die Wände dröhnten, oder ob leidgeprüfte Seelen im stillen Kämmerlein Trost darin suchten. Von diesen 823 Liedern durfte in neuen, von Riffel herausgegeben Gesangbuch, natürlich keines fehlen, wenn es das „richtige“ Wolgagesangbuch sein sollte. Wenn es aber allen evangelischen Deutschen am La Plata dienen sollte, mußten die Lieder des neuen evangelischen Einheitsgesangbuches in Deutschland, soweit sie im Wolgagesangbuch fehlten, in das neue Gesangbuch aufgenommen werden. Das ergab noch einmal einen Anhang von 200 Liedern. Auf diese Weise konnten auch Gemeindeglieder ihre aus Deutschland mitgebrachten Gesangbücher im Gottesdienst benutzen. So war ein Gesangbuch mit 1077 Liedern und einem Gebetsanhang entstanden. Ein stattlicher Band, der weithin Zeugnis dafür ablegte, daß der Mann „mit dem Gesangbuch unterm Arm“ den Weg ins Gotteshaus nahm. Das Buch war eine große Tat für alle Wolgadeutsche, die aus Rußland ausgewandert waren und zwar nicht nur für die Ansiedler am La Plata, sondern auch für die in Brasilien, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und in Canada. Der ersten Aufgabe dieses Buches konnte eine zweite folgen. Auch das Gemeinschaftsliederbuch von Peter Weinand, das sich großer Beliebtheit in den Wolgadeutschen Gemeinschaftskreisen erfreute, konnte Riffel noch herausgeben.

Verband der Rußlanddeutschen in Argentinien

Wie wir bereits aus obigem ersehen, hat Rifel nicht nur in großer Treue im Kirchendienst gestanden – er gehörte jahrelang zum Vorstand der Evangelischen La Plata-Synode -, sondern arbeite auch aus innerster Verpflichtung heraus unablässig für die Hebung des Deutschbewußtseins der Gemeinde. Hier erstreckte sich seine Wirksamkeit über alle Rußlanddeutschen am La Plata, wie wir das ganz besonders aus seinen Bemühungen um eine rußlanddeutsche Presse gesehen haben. Über diese Leistungen auf kultur-politischem Gebiet führt Dr. Kunath in seinem Nachruf u. a. folgendes aus: „Pastor Riffel hatte schon lange den Gedanken, eine Vereinigung zu schaffen, die das versinkende Deutschtum in unserer Gegend aufraffen sollte. Dazu gab ihm der Besuch der deutschen Konsuln aus Rosario und Santa Fe, im November 1956, Anlaß, eine Empfangs- und Festkomission zu ernennen. Mit seinem unermüdlichen Beistand erreichten wir damals 200 Deutsche und Deutschstämmige zusammenzubringen. Nur das brauchte er, und von da ab ließ er sich keine Ruhe, bis im Juli 1957 unsere Vereinigung gegründet wurde, welche, wie ihr Name angibt, deutsch-argentinische Kultur Geselligkeit fördern soll. Sein größtes Bestreben ging auch darnach, daß die deutsche Sprache nicht vergessen werden sollte, und darum wurden deutsche Sprachkurse eingerichtet, die schon im vergangenen Jahr sich mit über 20 Schülern entwickelt und dieses Jahr mit derseben Zahl begonnen haben. Sein zweites war, eine Bibliothek zu gründen. Auch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt, denn wir haben sie schon im Gange und sie verfügt über ziemlich viel Lesematerial, vieles davon hat uns natürlicherweise Pastor Riffel von der Deutschen Botschaft und dem Deutschen Konsulat in Rosario verschafft.“

Dem Bestreben nach Zusammenschluß der Wolgadeutschen und Hebung ihres Selbstbewußseins in Argentinien sollte auch das 50 jährige Jubiläum ihrer Einwanderung im Jahre 1928 würdig begangen werden. Für sein Zustandkommen und seinen eindruckvollen Verlauf hatte Riffel nun wiederum seine Kraft einzusetzen. Von besonderem Wert ist die Festschrift, die er auf Wunsch seiner Landsleute für dies Jubiläum verfaßte, die unter dem Titel erschien: „Die Rußlanddeutschen, insbesondere die Wolgadeutschen am La Plata (Argentinien, Uruguay und Paraguay) Festschrift zum 50järigen Jubiläum ihrer Einwanderung“. In verhältnismäßig kurzer Zeit wuchs diese Festschrift zu einem Buch von 130 doppelseitigen Seiten an. Als Einleitung gibt Riffel darin eine kurzgefaßte Geschichte der Wolgadeutschen, dann aber geht er eingehend den Gründen nach, die Veranlassung zu Auswanderung aus Rußland wurden, schildert die Entsendung der Kundschafter nach Brasilien und Argentinien, die wechselvolle Fahrt, die Kämpfe mit den Auswanderundsgesellschaften, sowie die bitter schweren Anfänge in einem Lande, dessen Sprache und Sitten sie nicht kannten, in dem jeder Schritt, den sie taten, Neuland und Neubeginn für sie war. So gibt das Buch nicht nur einen Querschnitt durch das Leben der Wolgadeutschen im fremden Lande, sondern auch einen Längsschnitt durch die Geschichte der Wolgadeutschen und zum Teil auch der anderen rußlanddeutschen Siedler. Wenn auch viele Darstellungen in Anbetracht des Zeitmangels nur lückenhaft gebracht werden konnten – der Verfasser ist sich dessen ganz besonders stark bewußt – so ist das Ganze doch eine Fundgrube für jeden künftigen Forscher auf dem Gebiet der Neubesiedlung durch Rußlanddeutsche in Übersee. Die 50jährige Jubiläumfeier der Einwanderung der Wolgadeutschen in Argentinien gestaltete sich den auch dank den umsichtigen Vorbereitungen und der Werbung Pastor Riffels zu einem einschneidenden Ereignis in der Einwanderungsgeschichte. Etwa 5 000 Gäste von nah und fern waren erschienen. Neben den Ehrengästen waren auch die höchsten Regierungsvertreter der Provinz anwesend und unterstrichen dadurch die Bedeutung, die sie den wolgadeutschen Siedlern beimaßen. Pastor Riffel schreibt in seinem ausführlichen Bericht in meiner Zeitschrift „Deutsches Leben in Rußland“ u. a. folgendes: „Der Herr Gobernador der Provinz, Herr Dr. Laurencena, war in Begleitung des Kammerpräsidenten und seiner Minister persönlich zu unserem Feste erschienen. Das war uns eine besondere Ehre und ein Zeichen des Wohlwollens, das wir bei der Regierung genießen. Wir empfanden es angenehm, daß der Herr Gobernador und seine Begleitung an diesem Tage gewissermaßen einer der Unseren geworden.“

„Es war das erste Mal, daß sich Rußlanddeutsche in so großer Zahl zusammengefunden haben, möge dieser Feier auch ein Anstoß zu weiterem Zusammenschluß bedeuten. Es ist angeregt worden, die Festkommission solle eine permanente Einrichtung bleiben, nicht so sehr um in Zukunft Feste zu veranstalten, sondern um sich dem Gesamtwohl des Rußlanddeutschtums am La Plata zu widmen. Der Verein für das Deutschtum im Auslande hatte Herrn Pastor Riffel zum Jubiläum eine kleine Bibliothek von 360 Bänden geschenkt, die den Grundstock zu einer rußlanddeutschen Bücherei bilden soll. Es soll nicht nur eine Bibliothek gebildet werden, in der alle erreichbaren Schriften und Artikel über das hiesige Rußlanddeutschtum gesammelt werden sollen, sondern der Bibliothek soll sich auch mit der Zeit ein Museum angliedern. Eine solche Einrichtung kann natürlich nicht an die Person eines Einzelnen gebunden werden. Pastor Riffel wartet nur auf eine entsprechende Organisation, in deren Hände er vertrauensvoll die bisherigen Sammlungen legen kann. Möchte darüber hinaus das Fest auch noch die Anregung geben zu einem engeren Zusammenhalt unter den Rußlanddeutschen“.

Die Jubelfeier in Crispo (Entre Rios) bekam ihre tiefere Bedeutung noch dadurch, daß die Einweihung zweier neu erbauter Kirchen – einer evangelisch-lutherischen und einer katholischen – mit der Feier verbunden war, ein weithin sichtbares Zeugnis für das Festhalten der Rußlanddeutschen an der Religion der Väter und für das Hand-in-Handgehen der verschiedenen religiösen Bekenntnisse in dem großen völkischen Anliegen. So hat Riffel weit über seine Gemeindearbeit hinaus für diese beiden Güter gewirkt. Anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der Einwanderung im Jahre 1953 wurde Riffel zum Ehrenpräsidenten der Rußlanddeutschen am La Plata ernannt.

Sein Andenken wird in Argentinien nicht vergessen werden. Sein Blatt „Der Landbote“ ist zum guten Kameraden der Kampkolonisten geworden. Es wirkt im Geiste des Heimgegangenen weiter. Seine Tochter Lisa M. Riffel, die ihrem Vater stets eine treue Helferin war, sei es am Sonntag in den Gottesdiensten oder bei Beratung der Leute, wenn der Vater unterwegs war, oder sei es in der Druckerei – sowie ihr Bruder Oskar – haben zusammen mit ihrer Mutter die Fortsetzung des väterlichen Erbes übernommen und bis heute erfolgreich weitergeführt.

In der Druckerei „Gutenberg“ – schon dieser Name, den Riffel ihr gab, war ein Bekenntnis zur Urheimat unserer Kolonisten – wird alles – von der Visitkarte bis zu Büchern in deutscher und spanischer Sprache – gedruckt. Ein Neudruck des Wolgagesangbuches wird in absehbarer Zeit möglich werden.
So wird es noch lange Wolgadeutsche – und andere Kreise – am fernen La Plata geben, die sich an dem stillen Feuer der Ideale, denen Riffel gelebt und die er vekündet hat, immer wieder mahnen und aufrichten lassen. Darüber hinaus aber haben alle Deutschen die den Kampf des Auslanddeutschtums würdigen, besonders aber Rußlanddeutschen allen Grund, in Treue und Verehrung eines Landsmannes zu gedenken, der sich auf schwerem Posten ein Leben lang in vorbildlicher Weise eingesetzt hat für die höchsten Glauben und unseres Lebens: den christlichen Glauben und unser deutsches Volkstum.

Johannes Schleuning, 1958

Aus „Heimatbuch“, 1960, Stuttgart
Aus dem Archiv der Familie Heine
Aus dem Buch Jakob Riffel „Die Russlanddeutschen“

I. Teil.
Vorgeschichte des Wolgadeutschtums, seine Entstehung in Russland und die Auswanderungsbewegung von dort.

1. Kapitel.

§ 1. Die Vorgeschichte.

„Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“
Mit diesem Liede ist viel Missbrauch getrieben worden, deshalb wird sein Sinn so oft verkannt. Es soll keineswegs heißen, dass Deutschland sich herausfordernd über alle anderen Staaten stellt, oder das es gar über alle andere dominieren möchte. Es gibt gewiss Staaten, die mehr diese Tendenz haben als Deutschland in seiner Glanzzeit. Der Deutsche setzt eben sein Vaterland über alles, wie ein Kind seine Mutter, wie wir Erwachsenen unsere Heimat über alles setzen. Das Kind erkennt wohl an, dass es auch andere liebe Menschen gibt, aber für es sind ihm eben seine Eltern die allerliebsten und besten, sie stehen ihm am höchsten, über allen.

Das ist eine so einfache Erwägung, dass sie wohl jedem klar sein dürfte. Wir Wolgadeutschen kennen zwar Deutschland kaum oder nur wenig. Den außerordentlich selten war es vor dem Krieg jemand von uns vergönnt, in die Heimat der Väter eine Spazierfahrt zu unternehmen. In der Regel handelte es sich um Durchreisende, die im Eiltempo über Endtkuhnen- Berlin-Hamburg oder Bremen reisten, d.h. Norddeutschland nur streiften. Andere wieder suchten in den bekannten Kurorten Heilung. Nun sind aber die Kurorte, die großen verkehrsreichen Städte oder Norddeutschland allein noch nicht ganz Deutschland. Diese allein geben ein ganz falsches Bild. Wer Deutschland als solches kennen lernen will, muss auch aufs Land, vor allem nach Süddeutschland gehen. Denn gerade von hier sind die meisten unserer Vorfahren seiner Zeit nach Russland ausgewandert.

Wir Wolgadeutschen stammen in der Hauptsache aus Hessen. In Frankfurt am Mein war das Hauptwerbebureau der russischen Auswanderungsagenten. Kommen wir nur in die Gegend am Frankfurt a/M. , etwa nach Sprendlingen, Offenbach u. a., dann merken wir: hier weht Geist von unserem Geist, und hier wohnten Leute von unserem Schlag. Da spricht man so, wie wir sprechen, ja sogar Kleidung, Lebenshaltung, Gitten und Gebräuche erinnern uns lebhaft an die Wolgaheimat. Wir fühlen uns inmitten dieser Leute heimisch. Kein Wunder, wir gehören zusammen. Uns überkommt ein Gefühl, wie es ein Adoptivkind überkommen mag, das, zu Verstand gekommen, zum ersten Mal im Leben seinen leiblichen Vater zu sehen bekommt.

Dort find die Orte Ortschaften, wo einst noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unsere Vorfahren lebten, liebten, arbeiten, Freud und Leid trugen. Die Leute, die heute dort wohnen, sind zum Teil unsere weitläufigen Verwandten. Wir treffen in jener Gegend nicht nur unsere Familiennamen an, sondern in den Kirchenbüchern stehen unsere Voreltern, die einstigen Auswanderer und Russlandfahrer, verzeichnet.

Da lebten also unsere Väter. Beinahe kommt uns der Gedanke: „Ja, warum blieben sie denn nicht in der Heimat, sie hätten uns, ihren Nachkommen, manche bittere Enttäuschung in der Fremde erspart; wir brauchten nun nicht so oft den Wanderstab zu ergreifen, um in der weiten Welt eine Heimat zu finden. Wir hätten uns nicht in Russland „verdammte Deutsche“, in Deutschland „dreckige Russen“ und in Argentinien „Gringo“ schimpfen zu lassen brauchen. “ Wie ein Vorwurf steigt es in uns auf gegen die, die vor uns waren.

„Doch der Mensch hofft immer Verbesserung“. Es mögen mancherlei Motive gewesen sein, die unsere Ahnen aus Deutschland auswandern ließen. Sie wollten zweifellos such und ihren Kindern eine bessere Zukunft sichern. Sie haben den Schritt gewagt, auch für uns, die wir damals noch nicht geboren waren, gewagt. Der Gedanke an die Seinen, an die, die nach ihm kamen, war es ja gerade, der manchen Vater den Entschluss fassen ließ auszuwandern. Es heißt zwar in der Bibel: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Psalm37, 3. Es geschah aber auch zu Abraham das Wort: „Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft in ein Land, das ich dir zeigen will.“ 1. Mose 12, 1. Viele mögen gerade dises Wort auf sich bezogen haben, und sie gingen, wenn auch schweren Herzens.
Was trieb sie denn von Deutschland fort?

Die Welt der Auswanderung unserer Vorfahren aus Deutschland fällt in die Jahre 1764-67. Sie nimmt also unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) ihren Anfang. Die allgemeine Tage war derart, dass auch fleißige und rechtschaffene Leute an die Auswanderung denken mochten. Die Kriege hatten Deutschland stark mitgenommen, die noch mangelhafte Industrie konnte dem kleinen Mann auch keinen Unterhalt gewähren, so blieb denn für denn kleinen Handwerker und einen großen Teil der Bauern kein anderer Ausweg als der Heimat den Rücken zu kehren.

Dieser Gedanke war keineswegs neu, bestand doch schon seit geraumer Zeit der Zug deutscher Kolonisten nach Ungarn.
Wie gerufen kamen daher die russischen Agenten. Sie überfluteten geradezu Westeuropa, vor allen Dingen Deutschland. Teils waren es Angestellte der Krone, d. h. Beamte, teils Privatunternehmer, die mit der russischen Regierung einen Vertrag abgeschlossen hatten und für jeden angeworbenen Kolonisten einen gewissen Vertrag ausgezahlt bekamen. Daher auch der Eifer gerade dieser Leute.

Hinter dem ganzen Unternehmen stand die russische Kaiserin Katharina II, die, selbst deutscher Abstammung, durch eine großzügige Einwanderung, ihrer Landsleute nach Russland, dieses der neuzeitlichen Bodenbearbeitung erschließen wollte. Die große Kaiserin hat damit nur die Politik ihrer Vorgänger fortgesetzt, wenn auch in etwas erweitertem Maßstabe, denn schon etwa 300 Jahre früher haben russische Fürsten Deutsche als Lehrmeister der russischen Bevölkerung ins Land gezogen, wenn auch nicht gleich 30.000, wie Katharina II. im genannten Zeitraum.

Zum Oktober 1762 erschien ein Ukas der Kaiserin, schon am 4. Dez. desselben Jahres folgte ein förmliches Manifest, und als auch dieses noch nicht den gewünschten Erfolg brachte, kam am 22. Juli 1763 ein zweites, viel bestimmter gehaltenes Manifest. Das Angebot lautete günstig, die Agenten arbeiten geschickt, so dass die oben erwähnte große Menge aufbrach, um ihr Heil in Russland zu suchen. Die Mehrzahl bestand aus Deutschen. Darunter befanden sich aber auch Angehörige aus dem übrigen Westeuropa. Wenn man Christopher Schaab*) als zuverlässige Duelle

Gruppe von 30.818 Köpfen aus Angehörigen folgender Staaten zusammen: Preußen, Schlesien, Sachsen, Bayern, Hessen, Württemberg, Baden, Tirol, Pfalz, Hannover, Elsass- Lothringen, Dänemark, Schweden, Niederlande, Holland, England, Frankreich, Schweiz, Italien Türkai, Polen und Griechenland.

§ 2. Der Zug nach Russland.

An der Wolga war unter den deutschen Kolonisten das Lied: „Einst lebt’ ich froh im deutschen Vaterlande“ sehr verbreitet. Wenn auch der Inhalt keineswegs auf das Kolonistenlos Bezug nimmt, so scheint dies Lied doch vor allen Dingen seiner ersten Zeilen wegen in den Kolonien Verbreitung gefunden zu haben. Besonders Vers 7 legt uns diesem Gedanken nahe. Unseren Vorfahren ging es, wie es bei Auswanderungen immer zu gehen pflegt. Anscheinend ist man die Heimat satt, sie hat einem nichts mehr zu bieten, aber je weiter man sich von ihr entfernt, desto mehr erwacht die Sehnsucht danach. Man kommt in die Fremde, man schaut das Land der Verheißung und merkt nun, was man verloren. Durch Schaden wird man klug. Es mag manchem unserer Väter damals so ergangen sein. Erst in die Fremde die Heimat schätzen, erst wenn sie dahin ist, fühlt man an ihr verloren.

Die Auswanderungslustigen wurden zunächst in Sammellagern vereinigt, um dann bei genügender Zahl und nach Maßgabe der vorhandenen Transportmittel nach Russland abgeschoben zu werden.

In Lübeck haben die meisten Auswanderer ihrer deutschen Heimat für immer Lebewohl gesagt. Hier fing wohl auch die erste Enttäuschung an. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, und beim Auswandern erst recht nicht. Die Kolonisten bekamen wohl die ihnen zugesagten Tagegelder, da aber die Kapitäne auch zugleich Handel trieben, so zogen sie die Reisen so lange hin, bis die Kolonisten auch die letzten Groschen verzehrt hatten. Aber endlich war auch lange beschwerliche Seereise zu Ende, und die Auswanderer betraten russischen Boden. In Kronstadt erfolgte die Landung, in Oranienbaum begrüßte die Ankömmlinge die Kaiserin persönlich und erwies sich sehr huldvoll. Dort leisteten sie denn auch in der lutherischen Kirche ihren Untertaneneid. Aber sie waren immer noch nicht an ihrem Bestimmungsort. Die direkt von der Regierung durch ihre beamten Angeworbenen wurden nun von Regierungsbeamten an die untere Wolga geleitet; die von den Privatunternehmern gewonnenen unterstanden der Leitung ihrer Werber. Auch diese Reise wurde ungebührlich in die Länge gezogen und daher die Strapazen, die damals ohnehin nicht leicht waren, nur vergrößert. Kein Wunder, dass sich die Kolonisten da manchmal gegen ihre Peiniger auflehnten und ihre gerechten Forderungen durch ganz energischen Druck durchsetzten. Endlich kam man doch am Ziel an, d. h. in Saratow. Dies war zunächst eine kleine Stadt von etwa 10.000 Einwohnern. Sie sollte bald durch den neuen Zuwachs an Hinterländlern einen kaum geahnten Aufschwung erleben. Saratow zählte vor dem Krieg bereits 150.000 Einwohner und konnte als die Hauptstadt des ganzen Wolgabassins angesprochen werden. Handel und Industrie haben sich gewaltig entwickelt, eine Universität wurde dort ins Leben gerufen. Überall waren Deutsche mit dabei, wenn nicht gar in ausschlaggebender Stellung. So hatte die Saratower Börse auch während des Krieges einen Wolgakolonisten zum Vorsitzenden, Kommerzienrat Friedrich Schmidt aus Alt-Messer.

2. Kapitel.
Die Entstehung des Wolgadeutschtums in Russland.

§ 3. Die erste Zeit in Russland und die mancherlei Schwierigkeiten der Anfangsjahre.

Am 29. Juni 1764 kamen die ersten deutschen Kolonisten an und gründeten die älteste Kolonie der Bergseite, Dobrinka.
Die Enttäuschung war groß. Man hatte den Leuten in Deutschland durch die Agenten ihre neue Heimat so wunderschön ausmalen lassen, dass die Wirklichkeit gar zu sehr von dem Erwarteten abstach. Man war mitten in eine Wildnis hineingeraten. Ringsum keine Häuser und kein Obdach, Himmel und Steppe, auf der Bergseite hin und wieder ein Wald, eine Anhöhe und ein mäßiges Tal und sonst nichts. Dazu kam ein völlig ungewohntes Klima und infolgedessen Krankheiten aller Art. Bis für alle Häuser gebaut waren, mussten in den ersten Jahren viele in Erdhütten (Semljänka) wohnen. Von den 30.000 angeworbenen Kolonisten, waren nur 27.000 an der Wolga angekommen und nach weiteren 10 Jahren zählten sie nur noch 23.000. Das ist eine deutliche Sprache der Statistik. Die Hilfe der Regierung war trotz guten Willens nur unzureichend.

Mit der Landwirtschaft wollte es zunächst auch nicht so recht glücken. Die Schuld lag wiederum an der Unkenntnis der neuen Boden- und Landverhältnisse. So setzen gleich in den ersten Jahren Missernten ein. Viele waren in ihrem ganzen Leben keine Bauern, waren auch keineswegs mit der Absicht nach Russland gekommen, um Landwirtschaft zu treiben. Nun wurden sie trotz gegenteiliger Zusage zu einem Beruf gezwungen, zu dem sie weder Geschick noch Neigung hatten. Kein Wunder, dass manche an die Rückkehr in die alte Heimat dachten. Die war ihnen auf dem Papier zwar zugesichert, aber in Wirklichkeit wurden alle derartigen Versuche mit Waffengewalt niedergehalten. Nur vereinzelten ist es gelungen, über die Grenze zu entkommen. Deren Mitteilungen über die wahren Verhältnisse in den Kolonien mögen wohl die weitere Einwanderung nach Russland für geraume Zeit unterbunden haben. Nach 1780 wanderte niemand mehr nach Russland aus.
Den deutschen Aussiedlern an der Wolga sollten Tage schwerer Prüfung nicht erspart bleiben und zwar sehr bald nach ihrer Ankunft. Der erste Vorbote einer solchen traf sie bereits im August 1773. In diese Zeit fiel der Aufruhr des Empörers Pugatschow. Er gab sich für den ermordeten Kaiser Peter III, aus und streifte mit seinen zügellosen Banden mordend und plündernd durch die Wolgageländer. Auch die deutschen Kolonien wurden dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Anführer konnte jedoch bald unterdrückt werden. Der Anführer wurde am 10 Januar 1775 in Moskau hingerichtet. Noch lange nachher konnte man mit dem Namen des Pugatschow Alt und Jung an der Wolga in Schrecken versetzen.

Nicht so bald waren die jungen Kolonien von einer anderen Plage befreit. Das Romadenvolk der Kirgisen, welches durch die Ansiedlung der Deutschen im alleinigen Besitz der Wolgasteppen gestört worden war, wollte sich daher an Hab und Gut der Ankömmlinge schadlos halten und denen selbst das Bleiben vergällen. So oft es ihnen daher geraten schien, überfielen sie die Dörfer, Steckten die Häuser in Brand, raubten und plünderten alles aus und trieben das Vieh fort. Die Menschen, deren sie habhaft werden konnten, töteten sie oder schleppten sie mit sich fort und verkauften die Bedauernswerten in die Sklaverei, was vielleicht noch schlimmer war als Tod. Besonders mitgenommen wurden von diesem Überfallen die Kolonien des Marienthaler und Krasnjarer Kreises, sowie auch am Tarlhk. Viele Menschen mussten damals ihr Leben lassen, viele find in der Sklaverei verkommen, ganze Dörfer find von den Horden zerstört und von ihren ehemaligen Bewohnern auch nicht wieder ausgeführt worden.

Mit Hilfe der Regierungstruppen und einem in der Eile und Not gebildeten Selbstschutz haben die Kolonisten auch diese Gefahr überwunden und den Kirgisen das Wiederkommen verleidet.

§4. Das Sichteinleben und der beginnende Wohlstand.

Ein russisches Sprichwort sagt: „Geduld und Arbeit überwindet alles.“ Die Wolgadeutschen haben eine harte Schule durchlaufen müssen. Unter vielen Entbehrungen und harten Kämpfen haben sie sich durch die ersten schweren Jahre geholfen. Sie haben arbeiten gelernt, wurden mit den Bodenverhältnissen und dem Klima vertraut. Kein Wunder, dass die Kolonisten bald nicht nur aus eigener Kraft vorwärtskommen konnten, sondern sich auch ein gewisser Wohlstand bemerkbar machte.

Um die Wende des 18. Jahrhunderts bringen die Kolonisten ihre Erzeugnisse selbst auf die Märkte, sogar bis nach Nishni-Nowgorod, Rybinsk, Orenburg, Astrachan. Ja, im Jahre 1800 lösen einige von ihnen Gilden ein und lassen sich in die Kaufsmannliste aufnehmen. *) Die Bevölkerungszahl; die sich in den ersten Jahren infolge verschiedenartiger Bedrängnis und Rot sowie massenhafter Sterblichkeit sogar vermindert hatte, fing nun an rapide zu wachsen. Im demselben Verhältnis verminderte sich natürlich auch der Landanteil, der bei den von Zeit stattfindenden Umteilungen auf die männliche Seele entfiel. **)

In Unbetracht dieser Landnot wies die Regierung 1840 neue, weite Ländereien in den angrenzenden Steppengebieten an (bei Kamyschin; am Iaruslan und am Torgun). Im Ganzen etwa 250.000 Deßjätinen. Bei einer planmäßigen Verteilung sollte nun jede männliche Seele 15 Deßjätinen bekommen. Infolgedessen entstanden in dieser Zeit 66 Tochtersiedlungen, die bald die Anfangsschwierigkeiten überwunden hatten und die Mutterkolonien zum Teil überflügeln konnten.

Von 1853/74 wurden auf der Wiesenseite 10 Mennonitensiedlungen gegründet. Die Mennoniten kamen direkt aus Deutschland (aus der Gegend um Danzig), waren zum großen Zeit vermögend und die 100-järige Entwicklung, die seit der Auswanderung der Wolgadeutschen Deutschland gemacht, ist an ihnen auch nicht spurlos vorübergegangen. Infolgedessen konnten die alteingesessenen Kolonisten von den Ankömmlingen mancherlei lernen. Sie haben sich in jeder Beziehung als ein Salz erwiesen. Durch ihr Beispiel wurden in der Viehzucht und Landwirtschaft bessere Methoden eingeschlagen, die auch den erwarteten Erfolg nicht versagten. Gegenseitige Feierversicherung wurde eingeführt (1863), laut Verordnung der Regierung vom 21. Dez. 1859 wurden sogenannte „Kreiskassen“ gegründet. Es waren in Wirklichkeit Spar-, Darlehn- und Waisenkassen.

Der Kaum erlaubt es nicht, bei diesem Zeit länger stehen zu bleiben. Wer sich mit der Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga eingehender befassen will, der greife zu den bekannten und weniger bekannten Werken, die am Ende besonders ausgezahlt werden…

Aus der Wochenzeitschrift „Der Rußlanddeutsche“ (1929-1945)

Am 5. April 1929 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Russlanddeutsche“.

Viktor Gallinger

„Sehnsucht nach der Heimat“

1. O, mein Herz ist voller Sehnsucht,
nach dem schönen Heimatland,
Stromesbrausen, wilde Waldschlucht,
und ein Haus am Bergesrand.
2. Nach den Heimatsbergen möcht ich fliegen,
um zu sehn den Wolgastrom im Tal;
Wo die Schiff´ am Anker liegen,
und mich freu´n im Sonnenstrahl.
3. Möchte hören Burlakenlieder895,
Schiffespfeifen und Glockenklang,
Möcht´ noch einmal wandern wieder,
den schönen Wolgastrom entlang.
4. Wolgastrom stets muß ich lieben
deinen Glanz und deine Zier.
Zwar für immer wir uns schieden,
doch mein letzter Gruß gilt dir.

María Katharina

Eichmann de Wiesner,

„Im Schweiße deines Angesichtes…“
„Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen” heißt es in der Bibel. An die Wahrheit dieses Wortes müssen wir ganz besonders jetzt in der Erntezeit denken. Wenn wir lesen, wie es zur Zeit in Rußland zugeht, dann können wir noch froh sein, daß wir ungestört unserer Religion leben können. Hoffentlich bleibt es noch so in diesem Lande. Hier auf Erden sind wir doch nur Fremdlinge, unsere Heimat ist droben im Licht.“

Viktor Gallinger

„Die schwarze Nacht“

1. Bedenkt doch die Traurigkeit,
Den Schmerz, die Qual, das Herzeleid,
In uns´rem frühern Vaterland,
Wo herrscht die Bolschewikenband.
2. Die Brüder sind in schwarzer Nacht,
Wer führt sie wohl aus dieser Macht?
Sie sind umringt von Angst und Not,
Man jagt sie in den bittern Tod.
3. Man schlägt auf sie in blinder Wut,
Daß fließen muß ihr teures Blut.
Sie werden all zum Tod geführt;
O sagt, welch Herz bleibt ungerührt?
4. Gedenkt der Brüder schwerem Gang.
Denkt daran euer Leben lang.
Herr Jesus Christus, Helfer wert,
O komm und hilf der armen Herd.

Hilf gnädig ihnen aus der Pein
Und laß sie wieder fröhlich sein.

Quelle

(Materialien gesammelt von E. Heine)

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