Rußlanddeutsche im nördlichen Ostpreußen (Gebiet Kaliningrad)

Einzelne trafen schon bald ein: Rekruten und Studenten, Fischer und Matrosen, Lehrerinnen und Mitarbeiter des Zolls. Aber seit 1990 nimmt die Zahl zu, vor allem auf dem Lande. Aus fast allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion kommen sie, besonders aber aus den mohammedanischen Gebieten Kasachstan und Mittelasien. In den selbständig gewordenen Staaten ist Russisch nicht länger Amtssprache. Also ziehen die Familien, in denen die Kinder nur russisch sprechen, in russischsprachige Gebiete – darunter auch nach Ostpreußen. Nicht als „Sprungbrett“, sondern weil der Kontakt zu den Verwandten in Deutschland viel leichter ist...

- Ein Bericht von Pfr. Beyer

kaliningrad DomNach der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen in den Jahren 1947/48 sah es so aus, als würden hier nie mehr Deutsche leben. Nur verschwindend wenige sind damals dort geblieben. Aber: Es kamen Rußlanddeutsche.

Einzelne trafen schon bald ein: Rekruten und Studenten, Fischer und Matrosen, Lehrerinnen und Mitarbeiter des Zolls. Aber seit 1990 nimmt die Zahl zu, vor allem auf dem Lande. Aus fast allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion kommen sie, besonders aber aus den mohammedanischen Gebieten Kasachstan und Mittelasien. In den selbständig gewordenen Staaten ist Russisch nicht länger Amtssprache. Also ziehen die Familien, in denen die Kinder nur russisch sprechen, in russischsprachige Gebiete – darunter auch nach Ostpreußen. Nicht als „Sprungbrett“, sondern weil der Kontakt zu den Verwandten in Deutschland viel leichter ist.

In Kasachstan und Mittelasien gibt es evangelisch-lutherische Kirchgemeinden, aber nicht alle Rußlanddeutschen wohnten in der Nähe einer Gemeinde. Und als sie ins Gebiet Kaliningrad kamen, fanden sie ebenfalls keine Gemeinden vor, denn in Ostpreußen war Religion verboten. Erst seit der Perestroika können die Religionen sich hier entfalten; das gilt auch für die orthodoxe Kirche. Bemühungen um die Gründung einer evangelisch-lutherischen Gemeinde gab es seit 1989. Nach russischem Recht registriert ist aber die Stadtgemeinde Kaliningrad erst seit Dezember 1991. Erster Pfarrer war Pastor Erhardt – Absolvent des ersten theologischen Fernkurses in Riga. Der zuständige Bischof, Harald Kalnins, war aber daran interessiert, in dieser Großstadt einen voll ausgebildeten Theologen zu haben, also aus Deutschland.

Noch im Dezember 1991 konnte Pfarrer Kurt Beyer aus Dresden seine Arbeit in der Stadt beginnen. Sehr bald aber wünschten auch rußlanddeutsche Übersiedler auf dem Lande die Gründung von Kirchgemeinden. Die erste Gemeinde, Nowo Moskowskoje / Pörschken, wurde noch im gleichen Monat gegründet. Im Jahre 1992 folgten weitere sieben, 1993 und 1994 je fünf. Im Jahr 1994 wurde die Propstei Kaliningrad registriert. Inzwischen gibt es über dreißig Gemeinden. Seit 1993 wird der östliche Teil der Propstei von Gusew/Gumbinnen aus durch einen Pfarrer aus Deutschland betreut.

Die Propstei ist Teil der Eparchie Europäisches Rußland, an deren Spitze Bischof Siegfried Springer steht und deren Verwaltung sich in Moskau befindet. Die Eparchie wiederum ist Bestandteil der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Rußland und anderen Staaten (ELKRAS). Diese wird seit 1994 von Erzbischof Georg Kretschmar (früher Professor für Kirchengeschichte in München) von St.Petersburg aus geleitet.
Viele Rußlanddeutsche verstehen und sprechen deutsch nur schlecht oder gar nicht. Darum werden alle Gottesdienste zweisprachig gehalten. Gesungen wird aus dem EKG – das schaffen auch die weniger Sprachkundigen. Tauf- und Konfirmationsvorbereitung wird mit Hilfe eines Dolmetschers auf russisch gehalten. Meist findet parallel zu den Gottesdiensten auch Kindergottesdienst statt, den einheimische Helfer durchführen. In der Stadt singt jeden Sonntag der Chor. Die Gottesdienste in den Dörfern werden zumeist alle vierzehn Tage an Wochentagsabenden gehalten, auch da mit Kindergottesdienst. Das Abendmahl wird in jedem Gottesdienst gefeiert.

Die Gottesdienste in Königsberg fanden an wechselnden Orten statt: 1991/92 im Gemeindehaus der jetzt orthodoxen Kreuzkirche, 1993 im Hörsaal des Gebietskrankenhauses (früher Diakonissenhaus der Barmherzigkeit), 1994 – 98 im Kino „Pobjeda“ und seit dem 1. Advent 1998 in der neuen Auferstehungskirche. Dort entwickelt sich nach und nach ein reicheres Gemeindeleben. Eine besondere Freude ist es immer, wenn unsere Gemeindeglieder anderswo am kirchlichen Leben teilhaben können: Jedes Jahr fahren große Kindergruppen (70 – 80 Kinder) zu Bibelfreizeiten nach Sorkwity in Masuren. An den Kirchentagen in Deutschland haben neben dem Chor immer auch Gemeindegruppen teilgenommen. Der Chor konnte sich mehrmals an deutsch-russisch-litauischen Chorwochen beteiligen.

Eine gleich große Freude ist es, wenn Besucher aus Deutschland an unseren Gottesdiensten teilnehmen und bezeugen, daß es auch für sie immer ein eindrückliches Erlebnis ist. Das gilt sowohl für die großen Gottesdienste in der Stadt als auch für die kleinen auf dem Lande. Wir sind nicht vergessen – das ist die beglückende Erfahrung für unsere Gemeindeglieder.

Irgendwann müssen natürlich die Gemeinden in Rußland geistliche, theologische Leiter aus sich heraus hervorbringen. Aber der Weg dahin ist weit. In Nowosaratowka (bei St. Petersburg) nehmen einige Gemeindeglieder am theologischen Fernkurs oder auch am Vollstudium teil. Seit kurzem studiert auch eine junge Frau an der Theologischen Fakultät in Leipzig – ein Hoffnungszeichen.

Irgendwann müssen die Gemeinden auch in der Lage sein, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Aber dieser Weg scheint noch weiter. Gegenwärtig reichen die Kollekten der Landgemeinden gerade so für die Miete. Eine Kirchensteuer wird kommen (einige Gemeinden haben schon angefangen), aber wo es kein Arbeitseinkommen gibt, ist nichts zu besteuern.

So werden die Gemeinden noch lange auf unsere personelle und finanzielle Hilfe angewiesen sein.

Eine besondere Form der Hilfe, die wir den Rußlanddeutschen geben können, die nach Ostpreußen kommen, ist diese:

Das erste, was sie brauchen, ist ein Dach über dem Kopf. Sie suchen und finden alte verfallene deutsche Häuser, die zum Verkauf stehen. Sie können aber nur kaufen, wenn sie dazu finanzielle Hilfe bekommen. Denn dort, wo sie herkommen, haben sie für den Verkauf ihrer Habe nicht viel bekommen. Wir geben Hilfe in Form von Darlehen, wohl wissend, daß wir lange auf eine Rückzahlung warten müssen. Darum bitten wir um Spenden, um solche Unterstützung geben zu können.

Ein anderer Zweck unserer Unterstützung ist die Anschaffung einer Kuh. Wer eine Kuh hat, kann leben. Die Aktion „Eine Kuh für Königsberg“ hat schon viele Kühe finanziert.

Eine weitere soziale Aktivität der Gemeinde gibt es bereits seit Februar 1992: die Altenspeisung. Seit einiger Zeit wird sie in veränderter Form durchgeführt: Im Großhandel werden Lebensmittel eingekauft und an die Bedürftigen verteilt. Im Winter 1998/1999 ist im östlichen Bereich der Propstei mit einer großen Schülerspeisung begonnen worden.

Zur materiellen Hilfe für die Rußlanddeutschen gehören natürlich die zahlreichen Transporte mit humanitärer Hilfe, die aus vielen Teilen Deutschlands hierher gebracht werden.

Von Ihren Spenden wird auch die laufende kirchliche Arbeit der Propstei finanziert: Die einheimischen Mit-arbeiter erhalten davon ihre Gehälter (die im Vergleich mit deutschen Gehältern sehr niedrig sind), und der Diesel für die Fahrten zu den Gottesdiensten auf dem Lande wird davon bezahlt.

Es ist nicht so, daß alle Rußlanddeutschen nach Deutschland kommen wollen, zumal alle Ehen gemischt sind. Viele wollen bleiben. Durch die Hilfe, die Sie mit Ihren Spenden finanzieren, wollen wir diesen Menschen das Bleiben ermöglichen.

Anschriften:

Kirche, Pfarramt, Propsteibüro, Propst Heye Osterwald
Prospekt Mira 101
RF-236010 Kaliningrad

Telefon:

007-4012-956112 (Büro)
007-4012-956144 (Empfang)
007-4012-956001 (Propst Osterwald)

Telefax:

007-4012-956401 (Büro)

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ev.-Luth. Gemeinde Gusew (Gumbinnen)
Mendelejewa 16
RF-238030 Gusew

Kontaktanschrift in Deutschland

Edith und Kurt Beyer
Königsberger Straße 41
D-01324 Dresden

Tel.: 03 51-2 68 42 66
Fax: 03 51-2 67 99 42

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Spendenkonto für die Arbeit der Propstei und zur Unterstützung von Gemeindegliedern:

Gustav-Adolf-Werk in Sachsen e.V. (GAWiS)
Konto: 100150026

bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen
Bankleitzahl: 85095164

Bitte denken Sie daran, uns bei Überweisungen Ihren Namen und Ihre Adresse anzugeben, damit wir Ihnen einen Dank und eine amtliche Spendenbescheinigung zusenden können.

Unterstützung in sozialrechtlichen Angelegenheiten

macht Sozialreferent mit langjähriger Erfahrung

Montag - Freitag
von 9:00 bis 15:00
und nach Vereinbarung
Tel.: 0341-333-85-973

mehr...