Acht Jahre in der Arbeitsarmee

Was ist eigentlich die Trudarmee? Was hat es damit auf sich? Der Krasnojarsker Viktor Genrichowitsch Fuks (Fuchs), der in den Vorkriegsjahren als Oberleutnant bei den Luftstreitkräften diente, verbrachte 8 Jahre hinter den Stacheldrahtzäunen eben dieser Arbeitsarmee. Hören wir, was er uns darüber zu erzählen hat.

Was ist eigentlich die Trudarmee? Was hat es damit auf sich? Der Krasnojarsker Viktor Genrichowitsch Fuks (Fuchs), der in den Vorkriegsjahren als Oberleutnant bei den Luftstreitkräften diente, verbrachte 8 Jahre hinter den Stacheldrahtzäunen eben dieser Arbeitsarmee. Hören wir, was er uns darüber zu erzählen hat.

fuks
- 1938 wurde ich als Spion verhaftet. In Brjansk hielt mich der NKWD (analog der GESTAPO) mehrere Monate in einer Folterkammer gefangen. Während dieser Zeit wechselte die NKWD-Leitung. Um sich selbst zu schützen, wälzte Stalin die Schuld für die unzähligen Ungesetzlichkeiten auf Jeschow ab, indem er ihn einen Schurken nannte und dann erschießen ließ. Als Ersatz für Jeschow kam Berija, der, zur Bestätigung der in Stalins Worten liegenden, vermeintlichen Wahrheit, viele Gefangene aus der Haft entließ, darunter auch mich. Gegen mich lag überhaupt kein kompromittierendes Material vor. Aber in der gesamten Union wurde eine Hetzjagd auf die Vertreter nationaler Minderheiten veranstaltet – und man warf sie einfach als Spione ins Gefängnis. In unserer Truppe wurden die Piloten Schnaider (Schneider), Bamberger und ich verhaftet – alle drei Deutsche, aber unter den Verhafteten waren auch ein Grieche, ein Jude, ein Pole und ein Litauer dabei. Angeblich wegen Spionage. Einer von ihnen wurde sogar erschossen.

Ich wurde schließlich entlassen, aber aufgrund meiner Inhaftierung aus der Armee entlassen. Ich erreichte, daß ich wieder zur Armee durfte, und musste etwa ein Jahr später an die Front. Als Kommandeur der Jagdflieger-Staffel nahm ich an den Kämpfen gegen die deutsche Luftwaffe teil. Ende 1941 wurde ich auf höchsten Befehl Stalins von der Front entlassen. Mein Regimentskommandeur Rodin sowie der Divisionskommandeur wollten mich nicht fortlassen. Rodin hatte mir die Aufgabe gestellt, ins Hinterland des Feindes zu fliegen, dort das Gelände zu erkunden und anschließend unter Beschuß zu nehmen. Als ich zurückkehrte, erklärte er mir: „Viktor Genrichowitsch, das war Ihr letzter Flug; ich habe zum dritten Mal die Vorwarnung aus dem Armeestab erhalten, - alle Deutschen sind unverzüglich ins Hinterland zu schicken. Ich versuchte alle möglichen Einwände zu erheben, aber man drohte mir mit einer strengen Strafe, wenn ich dich nicht fortschicke – ganz besonders dich, Fuks“.

Ich kam nach Magnitogorsk. Dort unternahm ich 1942 den Versuch, in die Luftfahrt zurückzugehen, aber im Gebietsstab verkündete man mir, daß das nicht möglich sei – Befehl Stalins! Es vergingen zwei Monate, dann wurde ich in die sogenannte Trudarmee (Arbeitsarmee; Anm. d. Übers.) mobilisiert.

Hinter Tscheljabinsk, auf einem riesigen, unbebauten Platz, sollte ein Metallhüttenwerk errichtet werden. Das Lager der Arbeitsarmee umfaßte mehrere Dutzend Hektar. 65000 Deutsche wurden hierher transportiert und in 15 Arbeitstrupps aufgeteilt. Jeder Trupp war von Stacheldraht umgeben. Überall Wachtürme, Hunde. Nachdem uns, wir waren insgesamt 7 Mann, der Begleitanwalt im Lager abgeliefert hatte, kehrte er nach Tscheljabinsk zurück. Als ich den Stacheldrahtzaun sah, wollte ich fortlaufen. Aber dann überlegte ich: wohin denn? Ich habe ein Parteibuch und einen Ausweis bei mir. Man wird sogleich wissen, wer ich bin und woher ich komme. Man führte uns ins Badehaus, das sich außerhalb der Einzäunung befand. Die mit mir eingetroffenen Soldaten ließen sich alle die Köpfe kahlscheren und rasieren, während ich verkündete, daß ich dies nicht mit mir machen lassen würde. Die deutschen Bademeister erwiderten darauf, daß wir in dem Fall bestraft würden. Die Soldaten nahmen mich in Schutz – schließlich war ich Kommandeur einer Fliegerstaffel! Da gaben die Bademeister auf, baten mich jedoch, die Mütze weit über den Kopf zu ziehen, denn sonst würde man mich am Durchgangspunkt festhalten.

Auf dem Territorium der Trudarmee lief ich herum, ohne meine Dienstgradabzeichen vom Militärhemd zu entfernen. Sofort traten Wachen auf mich zu und verlangten, daß ich sie abnehmen sollte. Ich weigerte mich und ersuchte um den Befehl des Volkskommissars mich aus der Armee zu entlassen. Als Antwort bekam ich zu hören: „Bei uns gelten Berijas Anweisungen. Wir sind ausschließlich ihm unterstellt, nicht dem Volkskommissar für Verteidigung“. Ich blieb bei meiner Meinung und entfernte die Abzeichen nicht.

Etwas später versuchte der politische Leiter, der aus den Reihen der Miliz kam und mit mir einen kleinen Spaziergang machte, mich zu überzeugen: du mußt dich wohl oder übel unterordnen, die werden dich irgendwann sowieso in die Knie zwingen. Außerhalb des Lager-Territoriums gab es einen Mitarbeiter der Sonderabteilung, den sie den „Paten“ nannten, und der durfte auch Gewalt anwenden. Ungeachtet dieser Tatsache trug ich auch weiterhin meine Rangabzeichen an der Jacke.

Die einzelnen Arbeitseinheiten hatten miteinander keinen Kontakt; sie waren innerhalb ihres Reviers isoliert und hatten dort die ihnen zugewiesenen Arbeiten zu verrichten. Die einen bauten an einem steinernen Fabrikgebäude, die anderen – an einer Elektrolyseanlage. Wir lebten in Erdhütten. Direkt unter dem Dach befand sich ein Fensterchen und Gemeinschaftspritschen. Unser Trupp bestand ausschließlich aus Männern. Zur Arbeit marschierten wir in Begleitung von Soldaten, die ihre Gewehre im Anschlag hielten. Etliche Male ertönte es: „ Ein Schritt nach links oder rechts und ich schieße – ohne weitere Vorwarnung!“

Man unterstellte mir eine Brigade von 12 Leuten. Ich ging als erster in meiner Uniform zur Arbeit. Hinter mir folgte in Reih und Glied die Brigade. Als letzter ging ein Deutscher mit einer Harmonika (die hatte er schon dabei gehabt, als er bei der Arbeitseinheit eintraf). Im Anschluß an die Prozession folgten noch sechs bewaffnete Wachleute. Ich muß noch erwähnen, daß sowohl Wachen als auch andere Lagerbedienstete uns ausschließlich mit den Bezeichnungen Fritze und Faschisten anriefen. Besonders häufig mußten wir uns auch Beleidigungen beim Ausmarsch zur Arbeit und bei der Rückkehr auf das Lagergelände anhören. An Zynikern und frechen, dreisten Kerlen fehlte es dort nicht.

Vom ersten Tag an wurde ich von einem der Wachleute an der Passierstelle erheblich belästigt: „Hör mal, Flieger. Gib mir deinen Schulterriemen. Den brauchst du hier nicht“. – „Das werd' ich ganz bestimmt nicht tun!“ – erwidere ich. – Niemand hat mir verboten ihn zu tragen“. – „Na schön, du wirst noch an mich denken ...“

Als frischgebackener Brigadeleiter der Böttcherwerkstatt führe ich die Arbeiter in die Werkstatt. Der Betriebsleiter, ein junger Leutnant der Miliz, fragt: „Hier wollt ihr also arbeiten? Wisst ihr denn überhaupt, wie man Fässer macht?“ – „Natürlich weiß ich das! – erwidere ich. „Während des Fluges habe ich sogar „Fäßchen“ mit doppeltem Boden gebaut, und alle möglichen anderen auch“. Er verstand den Scherz und lachte. Aber dann wurde er ernst und äußerte sein Befremden darüber, daß man mich von der Front abgezogen und hierher gebracht hatte, um Verpackungen zu produzieren. „Das ist nicht richtig; so sollte es nicht sein“. Und solche Leute sind zu uns hierher geraten. Nicht alle waren hirnlose Vollstrecker des Willens „des Vaters aller Völker“.

Ich konnte der Böttcherwerkstatt ziemlich schnell entrinnen. Ich fand eine Arbeit als Elektriker für die Außenstromanlagen. Und später bat ich darum, mich als Fahrer arbeiten zu lassen – innerhalb der Lagerzone. Rechte besaß ich keine. Aber der höchste Leiter beschloß jedenfalls, da ich Pilot von Beruf war, daß ich folglich auch ein Auto lenken könne. Auf diese Weise wechselte ich in acht Jahren mehrmals die Arbeitstrupps, aber allesamt innerhalb der Grenzen des „TscheljabLags“.

Während der Arbeit konnte ein einziger Verstoß dazu führen, daß sie einen zur Strafe in den Streinbruch schickten. Und dort überlebten die Menschen im allgemeinen nicht lange. Der Arbeitstag der Arbeitsarmisten erstreckte sich über 12 Stunden, mitunter auch mehr. Auf jeden Fall wurde nie weniger als zehn Stunden geschuftet. Pro Woche stand einem ein freier Tag zu. Den verbrachte man in der Erdhütte auf der Pritsche. An den Arbeitstagen leisteten die Insassen derartige Schwerstarbeit, daß ihnen die Kraft und Lust zu irgendwelchen Freizeitaktivitäten fehlte. Man bot uns auch keine Zerstreuungsmöglichkeiten an – weder Kino, noch Bücher. Es gab auch nur eine Zeitung, die „Prawda“ („Wahrheit; Anm. d. Übers.).

Briefe durfte man schreiben, aber häufig erreichten sie ihren Empfänger nicht, weder die im Lager, noch diejenigen, an die wir sie adressiert hatten. Mitunter erhielt ich einen Brief, in dem etliche Textstellen sorgfältig durchgestrichen waren.

All diese quälenden Jahre blieb ich Mitglied der Partei und war natürlich auf allen Parteiversammlungen zugegen. Wir wurden in Reih und Glied aus den Baracken dorthin geführt. Unter den Wachleuten gab es auch Kommunisten. Während der Sitzungen nahmen sie die ersten Reihen im Präsidium ein, während die Trudarmisten weiter hinten saßen. Im Präsidium thronten mit Sicherheit der Kommandant und der politische Leiter des Lagers. In den Vorträgen wurde die allgemeine Richtung der Partei vorgegeben, damit wir uns nicht zu weit von der Grundlinie entfernten und uns in unnützen Gedanken ergingen.

In der Nachbarschaft war eine Frauenabteilung untergebracht. Dort gab es nur Straftäterinnen. Einmal, als ich bereits auf das Territorium der im Bau befindlichen Fabrik umgesiedelt war, schlichen sie sich in mein Zimmer ein und entwendeten meine Bücher sowie die Militärjacke mit meinem Parteibuch in der Jackentasche. Das muß so 1946 geschehen sein. Die „Seki“ (Häftlinge; Anm. d. Übers.) brachten das Parteibuch und ein Wörterbuch der englischen Sprache wieder zurück. Es wurde an die Parteiorganisation übergeben, und ich erhielt einen Verweis, weil ich dieses wichtige Parteidokument so wenig sorgfältigt aufbewahrt hatte. Der Tadel war von Belehrungen begleitet: der große Führer Stalin täte doch so viel Gutes für das ganze Volk, unter anderem auch für uns, die Deutschen, und das sollten wir auch zu schätzen wissen. Übrigens mußte ich derartige Reden auch grundsätzlich auf jeder Parteiversammlung anhören.

In jedem Arbeitstrupp des „TscheljabLag“ starben täglich jeweils 8, 10 oder sogar bis 15 Menschen. Aufgrund der maßlosen Erschöpfung. Außerdem waren viele aus dem Süden hierher gekommen; sie vertrugen die Klimaänderungen, den strengen Frost nicht. Die Leichen wurden zunächst hinter dem Arbeitsgelände gestapelt und später in Massengräber geworfen, in denen insgesamt etwa 15000 Arbeitsarmisten bestattet wurden.

Die Erinnerung an das Essen ist ganz schrecklich. Um 6 Uhr morgens holten sie uns; dann wurden wir in die sogenannte Kantine geführt – auf die Straße, an eine Stelle, wo ein paar aus Holz zusammengehauene Tische aufgestellt waren. Es gab noch nicht einmal eine einfache Überdachung für den Fall, daß es regnete oder schneite. Du trittst mit deinem Essgeschirr und deinem Löffel an das Tischchen heran. Sie füllen dir eine Kelle voll dünner Suppe auf, in der die Schwänze winziger Fischchen und ein paar Knochenstückchen schwimmen. Das zählte als Fleischmahlzeit. Zum Mittagessen gab es gelegentlich ein paar Hirsegraupen, im Sommer etwas Grünzeug. Zum Abendessen – Brot, wenn es euch gelungen war es bis dahin gut zu verstecken. Das Brot wurde nämlich morgens ausgeteilt, und zwar die ganze Tagesration von 400 Gramm auf einmal. Anfangs versuchten sie einen Teil davon für den Abend zurückzulegen, aber es wurde zu oft gestohlen. Auch unter den Deutschen gab es solche Menschen.

Mehrmals im Monat organisierte und veranstaltete die Lageradministration Durchsuchungen. Sie war der Ansicht, daß wir uns einen Waffenvorrat zugelegt hätten und möglicherweise Sabotageakte und Aufstände planten. Sie jagten uns, unabhängig von der Wetterlage, aus den Baracken – ganz egal, ob draußen alles aufgeweicht und dreckig war oder grimmige Kälte herrschte. Eine Gruppe von Wachleuten durchwühlte unsere Sachen, riß die Pritschen auseinander. Einmal nahm ein Wächter mein englisches Lehrbuch mit. „Was soll das?“ schrie ich ihn unbeherrscht an. „Hier ist der Besitz von Landarten verboten“. – „Na, soll ich mich mit der vielleicht aus dem Staub machen wollen?“ – „Du bist doch Flieger – du kannst auch mit so einer Karte abhauen“. Und mit diesen Worten rieß er das entsprechende Blatt aus dem Buch heraus.

Gegen Ende des Krieges brachten sie immer mehr deutsche Kriegsgefangene in unser Lager. Sie waren von uns getrennt untergebracht und trugen alle ihre Soldatenuniform. Der Kommandostab, der auch in Uniform war, befand sich ebenfalls in anderen Unterkünften. Es war ihnen strengstens verboten mit uns zu reden. Ein wenig später trafen auch rumänische Kriegsgefangene ein. Und schließlich bekamen wir im „Tscheljablag“ auch noch Finnen, Tschetschenen, Letten ... zu sehen.

Die Trudarmee endete für mich 1950. Ich wurde entlassen und fuhr nach Kansk zu meinen Eltern, die dorthin deportiert worden waren. Ich blieb in dem Moment zwar Mitglied der WKP (B), aber mein militärischer Rang war mir entzogen worden. Das war noch während meiner Zeit in der Trudarmee geschehen – noch so eine „liebenswerte Geste“ von Berija.

Die Jahre, die ich im „TscheljabLag“ verbrachte, fanden nun in meinem Lebensarbeitsverlauf Berücksichtigung: zwei Jahre zählten wie eins. Offen gesagt – ein schwacher Trost.

Viktor FUKS

Veröffentlicht in „Freundschaftsbund“ N° 4, 1998

http://www.memorial.krsk.ru/index1.htm

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