Alexander Blok

Alexander Blok
Alexander Alexandrowitsch Blok (russisch Александр Александрович Блок, wiss. Transliteration Aleksandr Aleksandrovič Blok; * 16. November jul./ 28. November 1880greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd) war ein Dichter der russischen Moderne. Er war neben Andrei Bely der wichtigste Vertreter der so genannten zweiten Generation der Symbolisten.

Alexander Blok wurde als Sohn eines Juraprofessors und einer literarischen Übersetzerin 1880 in Petersburg geboren. 1906 schloss er an der dortigen Universität sein Studium der Philologie und Rechtswissenschaften ab.

Bereits 1902 veröffentlichte er einen ersten Gedichtzyklus in der Zeitschrift Neuer Weg (Новый путь). Seine frühen Werke standen unter dem Einfluss der Romantischen Literatur, die ihm seit seiner Kindheit vertraut war, sowie der Philosophie Solowjows und dessen Begriff der Sophiologie. So beschrieb er seine Liebeserlebnisse in dem frühen Werk Verse von der Schönen Dame (Стихи о Прекрасной Даме, 1898-1904) auf poetisch-mystische Weise. Jedoch bereits in seinem zweiten Gedichtband (1904–1908) trat die mystische Einstellung in den Hintergrund; sie wurde abgelöst von besorgten und patriotisch-sozialkritischen Tönen.

Eine Italienreise im Frühjahr 1909 verschaffte Blok Abstand zu den Ereignissen des Russisch-Japanischen Krieges und den sozialen Problemen seines Landes, die er als Bürgersohn und Student sehr wohl wahrnahm. Sein 1909 bis 1916 entstandener Gedichtzyklus Schreckliche Welt spiegelt die inneren Konflikte zwischen Jenseitsillusionen, russischer Realität und privaten Problemen wider. Nach fast zwei Jahren schöpferischen Stillstands seit 1916 entstanden 1918 die Gedichte Zwölf (Двенадцать) und Skythen (Скифы).

Am 7. August 1921 starb Alexander Blok in seiner Wohnung; er wurde drei Tage später im Familiengrab auf dem Smolensker Friedhof beigesetzt. 1944 wurden die sterblichen Überreste auf den Wolkow-Friedhof überführt.

* * *

Scheint auch der Mond – die Nacht ist dunkel.
Bringt's Leben auch den Menschen Glück, –
Verliebter Seele Frühlingsfunkeln
Drängt's Sturmgewitter nicht zurück.
Die Nacht sich über mir erstreckte
Und antwortet mit totem Blick
Auf's Schaun der Seele, die verschreckt ist,
Durchtränkt von scharfem, süßen Gift.
Vergeblich, meine Lust verbergend,
Im düster-kalten Morgenlicht
Irre ich durch Menschenmengen;
Nur ein Gedanke in mir ist:
Scheint auch der Mond – die Nacht bleibt dunkel.
Bringt's Leben auch den Menschen Glück, –
Meiner Seele Frühlingsfunkeln
Drängt's Sturmgewitter nicht zurück.

Januar 1898, St. Petersburg

* * *

für N. Gun

Du lebtest mehr, ich sang dafür …
Das Leid, das Leben dich beschäftigt.
Ein Geist flog unsichtbar zu mir,
Der mir ein Meer von Klang eröffnet …

Schon längst liegt deine Seel vertaut;
Er rührten Wirbel sie und Sturm;
Meine ist frei: so feiner Staub
Fliegt mit dem Wind rauf zum Azur.

Mein Freund, ich spüre es schon längst, Dass bald auch mich berührt das Leben …
Im Boden wird das Herz versenkt
Und kann sich niemals mehr erheben!

Wenn wir ermüden auf dem Weg
Und uns das Nebeldunkel deckt,
Dann komm, um auszuruhen, zu mir,
Wie ich, ersehnter Freund, zu dir!

Frühling 1898

Gamajun, der Kündevogel

gamajun der kügelvogel(Ein Bild von V. M. Vasnecov)

Auf endlos weiten Wasserflächen
Vom Abend purpurn eingehüllt,
Singt er und muss von Zeichen sprechen,
Senkt kraftlos die erschreckten Flügel …
Er kündet vom Tatarenjoch,
Vom Blut der Hinrichtungen dann,
Der Bösen Macht, der Guten Tod, Von Beben, Hunger, Feuerbrand …
Von ewiglichem Schreck erfasst,
Sein Antlitz brennt vor Liebesglut,
Doch hehre Wahrheit kündend sprach
Sein Mund, bedeckt mit trocknem Blut!

23. Februar 1899


* * *

Ich sehe, wie zugrunde gehen wird
Mein Vaterland, das Weltenganze.
Ich bin es, der ganz einsam jubiliert,
Das Sein zu schaun im furchtbarn Totentanze.

Zwar einsam, doch erfreut vergeht die Zeit,
Verliebt in die Vernichtung.
Ja, ich, wie sonst kein Großer weit und breit,
Schau wie man ganz die Welt zugrunde richtet.

26. Juni 1900

'Αγραφα Δογματα

Ich sah die Tagesfinsternis und das nächtliche Licht.
Ich sah den Schrecken des ewigen Zweifels.
Und den Herrn mit zerrissener Seele
im Dunst des Unglaubens und der Verwirrung.

Da gab es das Frühlicht der gewaltigen Geburt,
als das unbezifferbare Chaos der Welten
in der Unendlichkeit des Martyriums verschwand. –
Und alles murrte und tobte geheimnisvoll.

Ein schweres Feuer hüllte das Weltgebäude ein,
und ein Donnern stoppte die zielstrebige Bautätigkeit.
Eine stumme Grenze trennte voll und ganz.

Aus der Finsternis trat der Verstand des Weisen,
und in himmlischen Höhen – ohne Schrecken und Mühe –
flatterten die glänzenden Ideen mit ihren Flügeln für ihn.

22. August 1900

'Αγραφα Δογματα (gr.: ungeschriebene Dogmen)

In der aristotelischen Lehre gibt es die Behauptung,
Platon hätte in seinen Schriften ungeschriebene Dogmen aufgestellt. In dem Gedicht deutet sich die Vermischung dieser vorchristlichen Geheimlehre mit dem Martyrium Christi an, wie es typisch für einen auch von Blok vertretenen christlichen Neoplatonismus ist: Die Ideen des Weisen (Platon)
erscheinen flatternd in Engelsgestalt.
Weil dieses Sonett mehr programmatischen als ästhetischen Rang besitzt, habe ich es in der Vorstufe der Prosaübersetzung belassen, um den Inhalt nicht der Form unterwerfen zu müssen.
(E. B.)

Aus „Verse von der Schönen Dame“:

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* * *

Ich ging hinaus. Ganz langsam tagte
Winters Dämmerlicht auf Erden.
Vergangener Tage junge Sagen
Aus dem Dunkel treten werden …

Kamen, stiegen auf im Rücken,
Sangen mit dem Frühlingswind,
Und ich ging mit leisen Schritten,
Ewigkeit zu schaun gesinnt …

O besserer Tage lebendige Sagen!
Bei euren Liedern aus den Tiefen
Begann auf Erden es zu tagen,
Der Traum der Ewigkeit erschien! …

25. Januar 1901, Sankt Petersburg

Meiner Mutter

Je kränker die Seele rebelliert,
Desto klarer wird die Welt.
Azurne Gottheit zärtlich mir
Reine Gaben überstellt.

Schickt Ungewitter, Traurigkeiten,
Zärtliche Umarmung.
Erst dadurch kann auch andre Weite
Unser Schaun erfahren.

Die Seele kränker rebelliert,
Doch klarer werden Welten.
Denn es ist Gott, der zärtlich mir
Azurne Gaben überstellte.

8. März 1901

* * *

Am kalten Tag, ein Tag im Herbst,
Kehr ich erneut zu dir zurück,
Den Frühlingshauch erneut zu hörn,
Und dein vergangnes Bild im Blick.

Nahend – werde ich nicht weinen,
Mich erinnernd, brenn ich nicht,
Ich werd im Lied entgegeneilen
Dem neuen Herbst, dem Morgenlicht.

Der bösen Zeit gerechte Reue
Zerstreute dann ein Geist, so dumpf.
Vergangnes Seufzen, altes Heulen
Hörst du nicht mehr – denn ich bin stumm.

Das Feuer selbst wird blinden Augen
Nicht mehr den alten Traum entzünden.
Finstrer als die Nacht sind Tage
Für die Seele, die entschwindet.

27. April 1901

Feld hinter dem Alten Dorf

* * *

Verfass ein heimliches Gebet –
Das Strahlen schon ganz nahe steht
Des Morgens, der zuletzt sich zeigt, –
Bereit sei, denke nach und schweig.
Bereit, nachdenklich, ohne Laut
Den Blick letztmalig steigen lass:
Gott möchte nicht, dass du verblasst,
Vergangne Lieb nicht mehr geschaut.
Zum letzten wie beim ersten Mal
Betrittst du ihren Prunkpalast
Bis du – so will es Gott – erfasst
Ihr Aug, das ungewöhnlich strahlt.

10. Juni 1901

Neujahrsnacht

Kalte Nebel ruhig schweben,
Purpurn Lagerfeuer glühn
Und Svetlanas frostige Seele:
Geheimnisvoll die Träume spieln.
Es knirschte der Schnee – geschäftige Herzen –
Erneut ein stiller Mond.
Hinter den Pforten: Lachen und Scherzen,
Weiter noch – dunkle Straßen drohn.
Einblick gib ins Festgelächter,
Steig herab, verbirg's Gesicht!
Hindernisse – rote Bänder,
Auf's Vorderdach der Liebste blickt …
Doch der Nebel steht, nichts rührt sich,
Ich erwarte Mitternacht.
Irgend jemand lacht und flüstert,
Lagerfeuer sind entfacht …
Es knirscht der Schnee – im Fernen, eisig,
Leise schlich sich's ein: das Licht,
Schlitten, irgendwelche, eilen …
»Sie heißen?« – Lachen Antwort gibt …
Dort: ein Wirbel hebt sich, schneeig,
Weißes deckt das Vorderdach …
Irgendwer verhüllt mir zärtlich
Das Gesicht, und jemand lacht …
Kalte Nebel ruhig schweben,
Blässlich schleicht der Mondenschein.
Und Svetlanas sinnende Seele
Drang in Zauberträume ein …

31. Dezember 1901

Religio

Alexander Alexandrowitsch Blok (1880-1921)1
Ich mochte Worte, lieb und zart,
Sah nach geheimen Blütenständen.
Obwohl ich fast erwachsen war,
Lärmt' ich, wie Kinder spielen, ständig.

Schon morgens auf die Wiese gehnd,
Begann ich unhörbar zu singen,
Ich rief Dich, Freundin, ewig-schön,
Dich, Jungfrau und Beschützerin.

Ich wusste, Dichter, der tief denkt,
Niemals sind Genien erschienen
Von solcher Freiheit, wie's Geschenk,
Als Sklave ewig Dir zu dienen.

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Als diesen Wohnturms stummer Geist,
Ich – schwarzer Sklave niedern Blutes –
Bewach in halber Dunkelheit
Ihr unberührtes Bett ganz ruhig.

Ihr Schlüsselbund verwahre ich,
Und steh ihr bei, doch nicht erkennbar,
Wenn man, die Schwerter kreuzend, ficht,
Weil sie so schön und unerreichbar.

Grau ist mein Haar, die Stimme dumpf.
Ganz starr vor Schreck ist meine Miene.
Ein Ding war meines Lebens Ruhm:
Der Unerreichten stets zu dienen.

18. Oktober 1902

* * *

Die Ewigkeit warf in die Stadt
Einen Untergang aus Blei.
Der Himmel ist weit aufgeplatzt.
Die Gassen: voll Geschrei.

Meine Schultern drücken nieder
All die Rätselein, die tiefen.
Mir die Fenster der Fabriken
Wilde Nächte überliefern.

Die zinnernen Dächer, sie bieten
Unterkunft den Torn.
In diese Stadt der Betrüger
Dringt kein Himmel mehr vor.

Die Täuschung ist so nicht zu fassen,
Die Luft ist viel zu laut.
Führe mich doch, stille Gasse,
In den Nebel, rauchig-grau …

26. Juni 1904

Aus „Beschwörung durch Feuer und Finsternis“:

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Harmonika, Harmonika!
Hej, singe kreischend Glut!
Ihr gelben Hahnenfüßchen da,
Des Frühlings erste Brut!

Dort geht man pfeifend mit Gesang
Bis morgens hin und her,
Die Zweiglein fangen's rascheln an
Und zwinkern: Schau mal her!

Ich schau: mit Armen hochgereckt
Begann ihr weiter Tanz,
Mit Blumen alles sie bedeckt,
Im Lied verbreitet sie sich ganz.

Du Treulose voll Hinterlist,
Tanz deinen Hintersinn!
Und sei auf ewig lahmes Gift
Der Seele, die verloren ging!

Ich tobe und ereifre mich,
Im Wahnsinn liebe ich,
Dass du ganz Nacht und Finsternis,
Im Rausch ganz sichtbar bist …

Dass du die Seele mir entlockt
Und sie mit Giften quälst,
Dass ich dich singe noch und noch
In Liedern ungezählt! …

9. November 1907

* * *

Du bist so weiß wie'n ferner Tempel,
Wie unschuldiger Schnee so hell.
Ich glaub nicht diesen langen Nächten,
Den Abenden, die mich umstelln.

Meiner lang schon müden Seele
Gleichsam ich nicht glauben kann.
Vielleicht klopf ich als später Wandrer
An deinem stillen Wohnturm an.

Du selbst wirst um der Mörderqualen
Dem Ungetreuen einst verzeihn.
Wirst nicht mit weitem Frühling sparen,
Nachdem du ihm die Hand gereicht.

(8. November 1908)

Antwerpen

Liegt diese Zeit auch weit zurück,
Antwerpen! – Auch im Meer von Blut
Bist du mir tief erinnerlich …
Breit wie die Newa: der Scheldefluss,
Vom Oberlauf der Nebel kriecht.

Und hinterm Fluss, der ruhig fließt,
Im warmen Nebel, der da zog,
Wie einer jungen Flämin Blick,
Sind zahllos Masten, Werfte, Docks,
Und's riecht nach Tauwerk, Pech und Strick.

Die weite Wasserfläche rührnd
Im Rauch, der in der Weite flimmert,
Bereit den Anker hochzuziehn,
Ein schwerer zweimastiger Steamer:
Sein Kurs will ihn zum Kongo führn …

Doch du, im stillen Stadtmuseum
Schau in Jahrhundertdüsternis:
Dort ist Quentin Massis der König;
Dort sind mit Gold Blumen gestickt
Ins Faltenkleid der Salomé …

Doch all das trügt und täuscht zumeist;
Nach oben schau … Im Stück Azur,
Das durch den dichten Nebel gleißt,
Siehst du den Vorboten des Sturms –
Ein Flugzeug, das am Himmel kreist.

1914

* * *

Die Tage vergingen, die Jahre,
Ich habe – so dumm! und so blind! –
Erst heute im Traume erfahren:
Sie hatte mich niemals geliebt …

Es war nur des Zufalls Begegnung,
Die uns eine Wegstrecke trug,
Die kindliche Glut: sie musste sich legen,
Und sie sagte schließlich: Mach's gut.

Mein Herz jedoch: diese Liebe erfüllt's,
Vergiftet ist's: andre berühren es kaum,
Dieselben Gedanken – dies einzelne Lied
Erklang heute in meinem Traum …

30. September 1915

Heimatland (1907 – 1916)

* * *

Du gingst fort, und in der Wüste
Sank ich in den heißen Sand.
Kein stolzes Wort zu sagen wüsste
Mein stolzer Mund von heute an.

Nach dem, was war, nicht länger mähernd,
Hab deine Größe ich erkannt:
Ja, du bist's traute Galiläa
Mir, Christus, der nicht auferstand.

Und sollte dich ein Andrer küssen,
Das böse Wort nur stärker bleckt:
Der Menschensohn wird niemals wissen,
Wohin er's Haupt zum Schlafen legt.

Mai 1907

Die Zwölf

V. N. Masjutin: Illustration zu A. Bloks »Die Zwölf«, 19211
Schwarzer Abend.
Weißer Schnee.
Wind, erhaben
Alle von den Beinen bläst!
Wind! Sein Klagen
Heult durch Gottes weite Welt!

Es wirbelt der Wind
Das Schneeflockenweiß.
Unter Flocken droht Eis.
Glatt ist's, erbärmlich,
Jeder Passant
Rutscht weg – ach, du Ärmster!

Von Haus zu Haus hängt unter Spannung
Ein Seil oder Draht,
An dem Seil ein Plakat:
»Alle Macht der Verfassungsversammlung!«
Ein altes Muttchen leidet, weint,
Begreift kein Fetzchen, was das meint.
Was soll das Plakat,
Diese große Verschwendung?
Das könnt man als Leibchen für Kindlein verwenden,
Stehn doch so abgerissen da …

Das Muttchen wie ein Hühnchen schleicht
Ganz klapprig durch die Schneewacht gar.
– Och, Gottesmutter, steh mir bei!
– Der Bolschewik jagt mich ins Grab!

Der Wind wie Peitschen!
Der Frost bleibt nicht aus!
Vom Bürgerchen dort an der Kreuzung
Kragt das Näschen kaum noch raus.

Doch wer ist der? – Ganz lange Haare
Und er bekennt im Flüsterton:
– Wir sind verraten!
– Untergang wird Russland drohn!
Man erkennt den Literaten
An den hohen Tönen schon …

Doch da, mit langen Schößen –
Unter der Schneewacht – dort.
Na, heute gar nicht fröhlich,
Genosse Pope?

Weißt du noch, du staktest
Mit dem Bauch voraus?
Und das Kreuz, es strahlte
Auf das Volk vom Bauch! …

Dort's Fräulein im Persianer
Dreht sich zur Andern um:
– Wir weinten ein um's Andre …
Rutscht aus und macht –
Ratzbatz – sich flach!

Ei, der Daus!
Schnell eine geraucht!

Der Wind ist fröhlich,
Und böse, und froh,
Wirbelt die Röcke,
Zaust die Passanten,
Rupft, zupft und jagt
Das große Plakat:
»Alle Macht der Verfassungsversammlung« …
Trägt her manches Wort:

… Auch wir tagten heute …
… Dort in dem Gebäude …
… Diskutierten –
Postulierten:
Für die Nacht fünfundzwanzig, – die Nummer für zehn …
… Und weniger darf keine nehm' …
… Lass uns pennen gehn …

Später Abend.
Die Straße wird leer.
Nur ein Spaziergänger
Krümmt sich noch schwer.
Der Wind heult so sehr …

He, du Ärmster!
Komm her –
Gib mir'n Kuss …

Brot!
Was steht bevor?
Mach Schluss!

Schwarzer, schwarzer Himmel.

Zorn, ein trauriger Zorn
Kocht in der Brust …
Schwarzer Zorn, heiliger Zorn …

Genosse! Schau nur!
Die beiden da vorn!

2
Der Wind spaziert, es sprüht der Schnee.
Ganz ruhig die zwölf Männer gehn.

Mit schwarzen Riemen die Gewehre
Und ringsum flackern Feuerherde …

Zwischen Zähnen – Zigarre, die Mütze zerdrückt,
Das Schellen-As gehört auf den Rücken!

Freiheit, Freiheit,
Ohne Kreuz, na klar!

Rattata!

's ist kalt, Genossen, schweinekalt!

– Doch Wanja und Katja – in Kneipen versumpft …
– Notgeld bunkert sie im Strumpf!

– Wanja ist jetzt reich und satt.
– War unser Wanja und wurde Soldat!

– Na Wanja, Bürger, Hundesohn,
Küss meinen mal, na küss ihn schon!

Freiheit, Freiheit,
Hej, ganz ohne Kreuz.
Katja, Wanja steht bereit –
Wozu denn bereit? …

Rattata!

Ringsum flackern Feuerherde …
Fest geschultert die Gewehre …

Haltet Schritt mit roter Fahne!
Nie schläft der Feind, der inhumane!

Sei mutig, nimm's Gewehr, Genosse!
Die heilge Rus' gehört erschossen –

Der hölzernen Rus',
Der hüttenen Rus'
In den Fettarsch hinein!

Hej, ganz ohne Kreuz!

3
So gingen unsere Genossen
In der roten Garde dienen –
In der roten Garde dienen –
Sich die Hörner abzustoßen!

Ach du, bitterliches Leid,
Leben süß und hehr!
Mäntelchen, das Löcher zeigt,
Österreichisches Gewehr!

Wollen den Bürgern Ärger machen,
Einen Weltenbrand entfachen,
Einen Weltbrand voller Blut –
Heiße, Herrgott, all das gut!

4
Im Wirbelschnee der Kutscher gellt,
Katja fliegt mit Wanja schnell –
Auf dem Deichselarm entzückt
Eine Stromlaterne …
Ach, ach, wie chic! …

Im Soldatenmantel maunzend
Zieht er eine Trottelschnauze,
Zwirbelt seinen schwarzen Bart,
Zwirbelt hin und her,
Und macht einen Scherz …

Schau die breiten Schultern an!
Hör, wie Wanja schwatzen kann!
Legt den Arm um's Katja-Häschen,
Hält ein Schwätzchen …

Sie dreht's Köpfchen schnell und leicht,
Zähnchen blinken perlengleich …
Meine Katja, wie sie wippen,
Deine vollen, dicken Lippen …

5
Hast du da am Hälschen, Katja,
Einen Schnitt, noch nicht verheilt?
Unter deiner Brust da, Katja,
Sich 'ne frische Wunde zeigt!

Hej, hej, heb das Bein!
Kranke Beinchen tanzen fein!

Liefst herum in Spitzenwäsche –
Hast mit Offiziern poussiert,
Hattest ein paar Techtelmechtel,
Mach doch weiter, ungeniert!

Weiter, weiter, voller Lust,
Schnell hüpft's Herzchen in der Brust!

Weißt du noch, der Offizier da –
Er entging dem Messer nicht …
War nicht schlimm die Cholera?
Sind die Bilder nicht noch frisch?

Los doch, los, zeig frischen Sinn,
Leg dich von alleine hin!

Trugst so gern graue Gamaschen,
Pfiffst Chocolat Mignon dir rein,
Gingst spaziern mit Junker-Laffen –
Lässt mit Soldaten jetzt dich ein!

Sündige! Nach Ferkelein
Wird die Seele leichter sein!

6
… Naht sich wieder im Galopp,
Der Kutscher jagt, brüllt wie bekloppt …

Halt! Halt! Andrjucha, pack mal an!
Peterchen! Komm hergerannt! …

Rattatata – tatata – tatach,
Der Schneestaub bis zum Himmel kracht!

Der Kutscher – und Wanja – die Beine in die Hand …
Und noch einmal! Den Hahn gespannt!

Rattatata! Gleich wirst du verstehn.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Darfst nicht mit den Mädchen von Anderen gehn! …

Weg ist der Schurke! Wart nur, du Sack,
Ich rechne morgen mit dir ab!

Doch wo ist Katja? – Mausetot!
Ihr drang 'ne Kugel in den Kopf!

Bist, Katja, du nun froh? – Kein Spaß …
Ruh aus im Schnee, du totes Aas! …

Haltet Schritt mit roter Fahne!
Nie schläft der Feind, der inhumane!

7
Gut geschultert die Gewehre,
Gehn die Zwölf erneut voran.
Nur bei dem verstörten Mörder
Man's Gesicht nicht sehen kann …

Immer eiliger und schneller
Rasch beschleunigt er den Schritt,
Wickelt sich das Tuch um's Hälschen –
Und hebt seinen Kopf kein Stück …

– Was, du bist nicht froh, Genosse?
– Haben Zweifel dich erwischt?
– Muss Peterchen sich's Näschen trocknen,
Oder dauert Katja dich?

– Och, Genossen, hab dies Mädchen,
Liebe Freunde, sehr geliebt …
Hab im Rausch tiefschwarze Nächtchen
Mit dem Mädelchen verlebt …

– Wegen eines Feuerstrahls,
Der in kühnen Äuglein gleißt,
Um des roten Muttermals,
Das die rechte Schulter zeigt,
Tötete ich durchgeknallt,
Tötete, ach, blind und heiß!

– Peterchen, was soll die Leier,
Zeigst du dich als Memme jetzt?
– Willst wohl deinen Seeleneimer
Auf uns leeren, eingenässt?
– Halt dich aufrecht und sei eisern!
– Halte deine Zügel fest!

– Jetzt ist nicht die rechte Zeit,
Um den kleinen Mann zu wickeln!
Um so schwerer, teurer Freund,
Wird die schwere Last uns drücken!

Und das Peterchen verlangsamt
Seinen übereilten Schritt …

Legt das Köpfchen in den Nacken
Und macht wieder fröhlich mit …

Nur immer lächeln!
Spaßig sein ist kein Verbrechen!

Riegel vor die Wohnungstürn,
Weil wir heut expropriiern!

Öffnet Keller und Verschlag –
Heut flaniert die Bettlerschaft!

8
Och du, bitterliches Leid!
Tödlich-öde
Langeweile!

Irgendwie bringt man die Stündchen
Schon herum, herum …

Irgendwie das Scheitelchen
Ziehe ich dir krumm …

Irgendwie die Sämelchen
Streue ich herum …

Irgendwie mit Messerchen
Schlitze ich dich auf!

Fliege, Bürgerchen, wie'n Spätzchen!
Denn dein Blut ich sauf,
Wegen meines Liebchens
Mit den schwarzen Braun …

Tröste, Herr, die Seele deines Knechts …

Mir wird schlecht!

9
Verstummt ist all der Straßenlärm,
Über dem Newaturm ist Ruh,
Den Schutzmann gibt es nun nicht mehr –
Auf geht's, Burschen, ohne Schuld!

Von dem Bürger an der Kreuzung
Kragt kaum noch das Näschen raus,
Bei ihm klemmt ein Köter räudig
Den Schwanz ein, sträubt sein Fell verlaust.

Der Bürger steht, wie'n Hungerköter,
Wie eine Frage schweigend da.
Die alte Welt, die Mischlingstöle,
Folgt ihm mit eingeklemmtem Schwanz.

10
Solch ein Schneesturm donnert los,
Schneesturm, he, Schneesturm, ho!
Man erkennt einander nicht
Auf vier Schritt!

Schneefall wirbelt wie im Trichter,
Steigt in Säulen immer dichter …

– Och, was für ein Eissturm, rette!
– Lass die Lügen, lieber Peter!
Warum fiel dir wieder ein
Der goldene Ikonenschrein?
Sicherlich war's unwillkürlich,
Denke nach, urteil gebührlich –
Steckt dein Arm im Blut nicht tief,
Weil du Katja so geliebt?

– Haltet Schritt mit roter Fahne!
Der Feind ist nah, der Inhumane!

Vorwärts, vorwärts, immer mehr,
Arbeiterheer!
V. N. Masjutin: Illustration zu A. Bloks »Die Zwölf«, 1921

11
… Und es schreiten ungeheiligt
Alle Zwölfe in das Weite.
Sind auf alles vorbereitet,
Nichts tut ihnen leid …

Richten stählerne Gewehre
Auf den unsichtbaren Feind …
All die dumpfen Gässchen querend,
Wo allein der Eiswind greint …

In dem Pulverschnee, dem schweren,
Oft der Stiefel stecken bleibt …

Ins Auge schlägt
Die rote Fahne.

Gleichschritt gehen
Unsre Mannen.

Niemals schläft
Der Feind, der grame …

Der Schneesturm in die Augen fährt
Täglich, nächtlich
Immer mehr …

Vorwärts, vorwärts,
Arbeiterheer!

12
… Mit mächtgem Schritt gehn sie ins Weite …
– Wer ist denn dort? Komm schnell heraus!
Der Wind mit roter Fahne heiter
Tobt sich weit vor ihnen aus …

Aus der kalten Schneewacht tönt es,
– Wer ist da drin? – Los, schnell heraus!
Nur ein armer Hungerköter
Humpelt drunterwärts hinaus …

– Mit dem Bajonett, du Krätze,
Kitzel ich dich bis ins Grab!
Alte Welt, räudige Töle,
Zeig dich – und ich stech dich ab!

… Zähne fletscht – das Hungerwölfchen –
Eingeklemmter Schwanz – stets nah –
Hund der Kälte – Mischlingstöle …
– Hej, steh Antwort, wer geht da?

– Wer schwenkt dort die rote Fahne?
– Dort, im tiefen Dunkel, schau!
– Wer will schnellen Schritts entfahen,
Birgt sich hinter jedem Haus?

– Ganz egal, werd dich erwischen,
Stell dich besser lebend mir!
– Machst, Genosse, es nur schlimmer,
Komm heraus, sonst schießen wir!

Rattatach! – Und nur das Echo
Von den Häusern widerhallt …
Nur des Schneesturmes Gelächter
Lang im dichten Schnee erschallt …

Rattatach!
Rattatach …

… So gehn sie mit mächtgen Schritten –
Hungerköter hinten dran,
Vorneweg – mit roter Fahne,
Durch den Schneesturm nicht zu sehn,
Von den Schüssen unversehrt,
Über'm Sturm mit zarten Schrittchen,
Im Pulverschnee, der perlgleich glitzert,
Mit weißem Rosenkrönchen blitzt –
Vorneweg – Herr Jesu Christ.

Januar 1918

Alexander Alexandrowitsch Blok (1880-1921)

Die Skythen

Panmongolismus! Grauser Name,
Doch er umschmeichelt mein Gehör!
V. l. Solov'ëv
Ihr seid Millionen. Wir sind Schatten, Schatten, Schatten.
Versucht's nur, wagt mit uns den Kampf!
Ja, wir sind Skythen! Wir sind Asiaten!
In schiefen Augen giert ein böser Glanz!

Was ihr Jahrhundert nennt, ist uns nur eine Stunde.
Wie Sklaven, und noch diensteifrig dabei,
Warn wir das Schild, das beide Rassen trennte
Europas und der Mongolei!

Jahrhunderte, ihr, euer Schmiedeofen
Behuft und übertönt laute Lawinen,
Ein grauses Märchen war für euch der Fall
Von Lissabon und von Messina!

Nach Osten habt ihr Jahr um Jahr geschaut,
Um unsre Perlen reichlich aufzuschichten,
Und kungeltet den rechten Zeitpunkt aus,
Um die Kanonenmünder auszurichten!

Die Zeit ist reif. Mit Flügeln schlägt die Not
Und jeder Tag mehrt die Verzweiflung,
Es kommt der Tag – es bleibt kein Häufchen Stroh
Von euren Paestums, die geschleift sind!

O alte Welt, solang mit dir nicht Schluss,
Solange du dich wälzt in süßen Qualen,
Verweil, du Weise, wie einst Ödipus
Vor jener Sphinx mit alten Rätselfragen!

Die Sphinx ist Russland. Jauchzend und betrübt,
Aus tiefen Wunden schwarze Ströme fließen,
Es schaut und schaut, und schaut und schaut auf dich
So voller Hass, und doch so voller Liebe! …

Ja, so zu lieben habt ihr längst verlernt,
Wie unser Blut zu lieben sich nicht fürchtet,
Denn ihr vergaßt, die Liebe ist im Kern
Zuweilen brennend, ja sogar vernichtend!

Wir lieben alles – Glut der kalten Zahln,
Auch göttliche Visionen zu empfangen,
Und wir verstehn – germanisch dunkle Qualn
Und auch die Schärfe gallischer Gedanken …

Wir kennen gut – Venedigs kühle Luft,
Die schwüle Hölle der pariser Straßen,
In den Limonenhainen: milden Duft,
In Köln: die raucherfüllte Kathedrale …

Wir lieben Fleisch – die Farbe, den Geschmack,
Den Fleischgeruch, bedrückend, eurer Toten …
Sind wir denn Schuld, wenn euer Knochen knackt
Beim schweren, sanften Hieb unserer Pfoten?

Wir sind gewöhnt, durch harten Griff zum Zaum,
Das Ross zu zähmen, voller Eifer spielend,
Den Pferden auf das schwere Kreuz zu haun,
Die Sklavin, wenn sie frech wird, zu befrieden …

Kommt zu uns! Nach dem Krieg, der uns beschwert,
In friedliche Umarmung, ernst und zärtlich,
Solang's noch Zeit – steckt weg das alte Schwert,
Genossen! lasst uns endlich Brüder werden!

Wenn nicht – wir haben gar nichts zu verliern,
Auch uns ist der Verrat zugänglich!
Jahrhunderte, den Fluch werdet ihr spürn
Der späten Erben, die so kränklich!

Wir weichen weit durch Hölzer und das Dickicht
Vor dir, Europa, reizend und vermessen,
Langsamen Schritts zurück! Und wenden unsern Blick
Zu euch mit unsern Asiatenfressen!

Kommt alle her, kommt alle zum Ural!
Wir fegen frei die Kampfesplätze
Vom Stahlgefährt, behaucht vom Integral,
Mit den Mongolenhorden, die euch hetzen!

Doch sind wir euch von nun an nicht mehr Schild,
Wir wollen auch in Kampfeswut nicht schnauben,
Wir sehn dem Todeskampf nur zu, der brüllt,
Mit unsern schmalgeschlitzten Augen!

Wir bleiben reglos, wenn des Hunnen Gier
Der Leichen Taschen massenweise fleddert,
Die Städte niederbrennt, mit Pferden Kirchen stürmt,
Das Fleisch genüsslich kocht der weißen Brüder! …

Zum letzten Mal – besinn dich, alte Welt!
Zur brüderlichen Schaffens-, Friedensfeier,
Zum letzten Mal – zur Freudenfeier hell
Ruft die Barbarenleier!

30. Januar 1918

Russland

Und wieder, wie in goldenen Jahren,
Sind drei Geschirre abgenutzt.
Das bunte Rad ist festgefahren,
Versunken tief im Schlamm und Schmutz…

O Russland, Russland, arm und elend!
Vertraute Lieder singt dein Wind,
Wo graue Hütten in der Ferne
Mir erste Liebestränen sind.

Ich kann und will dich nicht beklagen,
Behutsam trage ich mein Kreuz…
Darfst dich den Zaubern nicht versagen,
Gib hin die Schönheit, ohne Geiz!

Man mag dich locken und betrügen –
Doch Du lebst weiter, du stirbst nicht.
Von deinen wunderschönen Zügen
Bann nur die Bitternis das Licht…

Was soll´s? Nur eine Sorgenträne –
Verlorn im Fluss, der schäumt und rauscht.

Unterstützung in sozialrechtlichen Angelegenheiten

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