Dominik Hollmann

Dominik Hollmann, am 12. August 1899 in der Stadt Kamyschin an der Wolga geboren, wurde von seiner alleinstehenden Mutter in strengem katholischen Glauben erzogen: Gehorsam, Wahrheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Güte. Diesen Prinzipien ist er bis zu seinem Ende treu geblieben.

Er war wißbegierig, las viel und schon mit 13-14 Jahren stellte er sich die Frage: „Was ist das Ziel des Lebens?“ Später in seinem Tagebuch Nr.5 schreibt er:

„Jeder Mensch muß ein Ziel im Leben haben. Auch ich stellte mir ein Ziel. Mein erstes, mein Jugendziel war, Lehrer zu werden, viel Kenntnisse zu erwerben, um damit ausgerüstet meinem Volke - darunter verstand ich zunächst meine Verwandten im Heimatdorf Marienfeld - zu dienen, es aufzuklären, ihnen Kultur und Wissen zu vermitteln. Danach sah ich dieses Ziel etwas erweitert: nicht nur meinem Heimatdorf, sondern dem deutschen Volk Rußlands zu dienen. Schon mit 13-14 Jahren wurde mir bewußt, wieviel Aberglaube, Not, Elend es in den deutschen Dörfern an der Wolga gab. Ich wollte dagegen kämpfen, wollte Licht in dieses Dunkel bringen. Ich sah das große Mühen der Menschen, aus dieser Armut herauszukommen. Ich wollte ihnen dabei helfen. Wissen, viel Wissen mußte sein!

hollmann
Ich, Sohn einer armen Waschfrau konnte nicht mal von einem Gymnasium träumen, weil das Schulgeld viel zu hoch war. Zu meinem Glück wurde 1914 (der erste Weltkrieg war schon ausgebrochen) in der Stadt Kamyschin, wo ich mit Mutter lebte, ein Lehrgang für Lehrer der Volksschulen eröffnet. Nach Absolvierung derselben (1916 - ich war gerade 17 geworden) wurde ich Lehrer der Volksschule (Semstwoschule) im Dorf Rothammel. Mein sehnlichster Wunsch von Hochschulbildung blieb nur ein Traum...“

In den Jahren 1919-32 als Lehrer, der immer bereit war, den Mitmenschen, den Dorfeinwohnern Wissen zu vermitteln, las er ihnen abends oft aus Zeitschriften vor. Ernste auch heitere Geschichten. Interessantes aus aller Welt, auch Neues der Agronomie. So propagierte er allgemeines Wissen.

Damals gab es in den Dörfern weder Radio, noch Kinos oder Klubs. Mit den Jugendlichen bereitete Dominik Hollmann Bühnenstücke vor, die gewöhnlich zum Neujahr auf der Schulbühne gespielt wurden. Alle Dorfeinwohner besuchten diese und freuten sich darauf.

Hatte ein Dorfeinwohner Fragen, Probleme, die er nicht allein lösen konnte, so ging er zum Domnik-Lehrer, ließ sich das unverständliche erklären, fragte um Rat.

Als die Sowjetregierung 1923 die im 1. Weltkrieg, der Revolution und dem Bürgerkrieg total zerrüttete Wirtschaft durch NÖP (Neue Ökonomische Politik) aufzubauen versuchte, erlaubte sie Initiative eines jeden Bauern: pflügt soviel jeder vermag. Dominik Hollmann war zu dieser Zeit Lehrer in Marienfeld, dem Heimatdorf seiner Mutter, in dem viele seiner Onkels und Cousinen lebten. Zusammen mit ihnen gründete er eine Kooperative (nicht verwechseln mit Kolchos!) für gemeinsame Bodenbearbeitung. Die Kooperative konnte ein Darlehen vom Staat bekommen und dafür einen Traktor kaufen. Den ersten im Dorfe. Welch aufregendes Ereignis war das, als diese damals ungewöhnliche Maschine die Felder pflügte. Doch 1929 wurde die Kooperative von der Sowjetregierung verboten, die Bauern zwangsweise in die Kolchose getrieben, alles Eigentum der Bauern wurde vergemeinschaftlicht. Die Bauern waren nicht mehr Herr über ihr Eigentum. Damit war Dominik Hollmann nicht einverstanden. Aus Protest verließ er Marienfeld, gab das Lehreramt auf, zog mit seiner Familie an die Station Avilovo, wo er als Kassierer der Eisenbahnstation arbeitete.

Doch die junge Wolgadeutsche Republik brauchte Lehrer und er wurde als Lehrer in das Dorf Erlenbach geschickt.

1928 wurde in der Stadt Engels - damals Hauptstadt der ASSR der Wolgadeutschen - die Deutsche Pädagogische Hochschule eröffnet. Doch als Haupt einer 6-köpfigen Familie konnte Dominik Hollmann ein Direktstudium nicht aufnehmen. Vorerst zwei Jahre Fernstudium an der Moskauer Staatsuniversität, dann ab 1932 bis 1935 Direktstudium an der Pädagogischen Hochschule Engels.

Die Studienjahre waren schwer: im Wolgagebiet herrschte Hungersnot, viele Menschen starben den Hungertod. Auch die Studenten darbten, litten Hunger. In der Studentenkantine gab es zu Frühstück „Tee und Radio“, wie man später scherzte, und Mittags dünne Suppe. Daran war auch die untreue Speisehalleleiterin schuld, die die Lebensmittel der Studentenkantine veruntreute, auf linken Wegen verkaufte. Und die zahlreiche Studentenmasse des Instituts beschloß, einen Leiter aus ihrer Mitte zu wählen. Sie wählten Dominik Hollmann, weil sie ihn als ehrlichen, zielstrebigen, selbstlos gerechten Menschen kannten. Er legte viel Mühe an den Tag, um die Ernährung der Studenten zu verbessern. Er brachte es fertig, Land bewilligt zu bekommen, auf dem die Studenten Kartoffeln pflanzten. Die Kartoffelernte war ein guter Zusatz zur Studentenration ihrer Kantine.

Nach dem Unterricht suchten viele Studenten Arbeit für den Abend, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Darüber lesen wir in D. Hollmanns Tagebuch: „Ich nahm Übersetzungsarbeiten für den Deutschen Staatsverlag. Meine gute Frau wußte, wie sehr ich an der Hochschule hing, tat alles, um mein Studium zu erleichtern. Dank der Unterstützung meiner Lebensgefährtin, der Mutter meiner fünf ältesten Kinder, konnte ich mein zweites Ziel - Hochschulbildung erreichen. Und mehr noch, wovon ich früher im entferntesten nicht träumen konnte: ich wurde Lehrer an der Pädagogischen Hochschule Engels. Sechs Jahre dozierte ich da. Sechs Jahre Lehrerarbeit an dieser Hochschule waren Jahre voller Arbeit. Arbeit mit Genuß, Vergnügen. Arbeit, die Freude brachte. Anderthalb Belastungen als Oberlehrer, ich bildete mich dabei weiter aus, las wissenschaftliche Arbeiten in Grammatik, Sprachgeschichte, Phonetik. Machte viele Übersetzungen für den Staatsverlag, schloß mich der Arbeit der Schriftstellervereinigung an, verfaßte ein Lehrbuch der deutschen Grammatik für die deutsche Mittelschule, schrieb Gedichte, Aufsätze, die in der Presse erschienen...

Dann brach alles auf einmal ab. Der grausamste aller Kriege brach aus. Grausam wegen der barbarischen Zerstörungen, wegen der allgemeinen Verrohung, der Entbehrungen, des Hungers eines Vielmillionenvolkes. Grausam wegen der schreienden Ungerechtigkeit, die unserem biederen, ehrlichen, arbeitsamen Volk zugefügt wurde. Einer Ungerechtigkeit, die bis heute nicht getilgt wurde und wohl niemals vollends getilgt wird. Wir wurden allesamt von der heimatlichen Scholle verjagt, vertrieben, als Staatsfeinde erklärt. Wie gelbe Blätter im herbstlichen Wald vom Windstoß getrieben wirbeln vereinzelt durch die Luft, werden vom Wind weitergetrieben über Steppe und Ackerland, in den Teich, Sumpf oder in den Fluß. Jedes Blatt für sich und doch alle dem Wirbel, dem Strom gehorchend. Keiner konnte ein Lebensziel haben. Wir waren willenlose Geschöpfe, wurden hin und her gestoßen. Schon bald wurden die Männer und auch viele Frauen zum Arbeitsdienst in die Trudarmee-Konzentrationslager gesteckt, wo neue Grausamkeiten auf sie warteten. Wer versuchte, nur versuchte, Protest einzulegen, wurde noch größeren Grausamkeiten ausgesetzt - zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ich war gefügig. Aber, wie viele, verlor ich mein geliebtes Weib, das in der Trudarmee im hohen Norden den schweren Lebensverhältnissen erlag. Kurz darauf verlor ich mein siebenjähriges Töchterchen. Die Herzenswunden zu beschreiben zu schwach die Menschenworte sind. Diese Periode der Ziellosigkeit, des sich Treibenlassens währte von 1941 bis 1956, davon die Jahre 1942 - 1944 im Trudarmeelager Wjatlag. Mit Skorbutwunden am ganzen Körper und äußerster Unterernährung wurde ich als Krepierling (Dochodjaga) durch Akte abgeschrieben, aus dem Lager zur „Erholung“ zu meiner Familie entlassen, die zu jener Zeit im hohen Norden Hunger und Not litt. Hier mit dem Beil anstatt der Schreibfeder in der Hand verdiente ich das Recht - nur das Recht - auf Lebensmittelkarte meine tägliche Brotration zu kaufen und mußte fünfstöckige erniedrigende unflätige Schimpfwörter über mich ergehen lassen, nur weil ich das Beil nicht geübt handhaben konnte“.
Dominik Hollmann, der immer hilfsbereite, half in seiner Freizeit der blutjungen unerfahrenen Rechnungsführerin, die in das kleine Fischerartel am unbewohnten Jenissejufer im hohen Norden geschickt worden war, und mit der Rechnungsführung des Artels nicht klar kam. Er hatte 1917 einen Buchhalterkursus mitgemacht und konnte jetzt nach 30 Jahren diese seine Kenntnisse anwenden. So wurde Dominik Hollmann mit Verlaub des Kommandanten (für alles, für jeden Schritt mußten die verbannten Deutschen die Erlaubnis des Kommandanten haben!) Rechnungsführer des kleinen Fischerartels.

Weiter schreibt Dominik Hollmann in sein Tagebuch:

Zwölf Jahre Nacht und Dunkel, Hunger, Elend, Rechtlosigkeit, Untererdrückung, Schmach, Para, bar aller Menschenwürde...

Ein neues Lebensziel kam auf, als wir 1956 teilweise rehabilitiert wurden. Zum Teil, nur zur Hälfte rehabilitiert. Danach bewarb ich mich als Deutschlehrer für Fremdsprache an einer Technischen Hochschule der sibirischen Stadt Krasnojarsk und wurde angestellt. Neue Hoffnung erwachte. Acht Jahre Arbeit an dieser Hochschule waren ersprießlich. Außer meiner Vorlesungen leitete ich einen Deutschzirkel bei der Regionsbibliothek, begann erneut aktiver zu schreiben. Das war aber noch kein Lebensziel im eigentlichen Sinne des Wortes. Es war eine Periode teilweiser Entschädigung, ein Hoffen auf Wiedererlangen der Menschenwürde nach vielen Jahren des Sumpfes, der Erniedrigungen. Die deutschsprachige Zeitung „Neues Leben“ erschien im Mai 1957 in Moskau. Obwohl mir bewußt war, es sind nur karge Brosamen vom Tisch der Sowjetregierung für unser deutsches Volk, doch es gab freudigen Anstoß zu neuen Proben auf literarischem Gebiet. Zwar hatte ich in den düsteren Jahren meines Lebens nie ganz aufgehört zu dichten

„Dann fühl ich weniger die Kette,
des Bannes Last ist halb so schwer“

(„Die Muse“)

doch jene Gedichte konnte ich nur meinen allernächsten vertraulichsten Freunden zusenden. Jetzt - 1957, da es eine deutschsprachige Zeitung gab, entstand klar vor mir das Ziel: durch literarische Werke und Aufsätze mein Volk aufzumuntern, sicherer zu machen und seine Menschenwürde aufzufrischen, zum Pflegen seiner Kultur, seiner Sprache anzuspornen. Demselben Ziel sollten auch meine zahlreichen Briefe, Petitionen, Forderungen dienen, die ich an die höheren Behörden richtete“.

1957 schrieb er seinen ersten Brief an die Sowjetregierung bezüglich der rechtlosen Lage der Sowjetdeutschen in der UdSSR. Bis zu seinem Lebensende kämpfte er aktiv für die Rehabilitierung seines deutschen Volkes. Er beteiligte sich an Delegationen der Deutschen nach Moskau, um Rehabilitierung des deutschen Volkes, Wiederherstellung der Wolgarepublik, aktiv und leidenschaftlich unterstützte er die Gesellschaft „Wiedergeburt“. In seinem Archiv gibt es die Kopien von 17 Briefen an die Sowjetregierung, in denen er an Hand vieler Fakten der Verletzung der Menschenrechte, der Konstitution, über die rechtlose Lage der Sowjetdeutschen und für Unterricht in der deutschen Muttersprache für sie apelliert.

1978 gelang es Dominik Hollmann in seine Geburtsstadt Kamyschin zurückzukehren. Und wie vor 55 Jahren kamen oft viele Menschen zu dem Lehrer, dem Schriftsteller, dem Menschen, um sich über ein gelesenes Buch oder Zeitungsartikel zu unterhalten. Rentner und jüngere Personen, Arbeiter und Dorfeinwohner kamen zu Dominik Hollmann, um ihre Zweifel, Sorgen um die deutsche Muttersprache, das Kulturgut auszusprechen, ihre Gedanken mit ihm zu teilen. Oft wurden auch Volkslieder dabei gesungen, so entstand der „Neues-Leben-Leser“-Klub in Kamyschin. Ihm war bewußt, dieser Klub ist nicht imstande die Kultur und Sprache der Deutschen in Rußland wiederzubeleben, aber er konnte den Deutschen, die nach einem Wort in ihrer Muttersprache lechzten, die Freude ermöglichen, unbefangen Deutsch zu sprechen, halbvergessene Volkslieder aufzufrischen und mitzusingen.

Noch ist er hoffnungsvoll.

Doch am letzten Tag im April 1990 schreibt er in sein Tagebuch Nr. 11:

„Präsident Gorbatschow hat in einer offenen Rede die Wiederherstellung der deutschen Republik an der Wolga ganz verworfen. Das war der bisher härteste Schlag für unser Volk. Wo sollen wir uns jetzt hinwenden? Wir ewig Verdammte, Verbannte, Heimatlose! Mein Zustand ist abscheulich, ich meine mein Seelenzustand.

...Es gibt keinen Ausweg...“
Einsam sitz ich da und fröne
dieser schnöden Qual.
Aus der Brust ringt sich ein Stöhnen
und kein Hoffnungsstrahl!

Ich bete zu Gott: „Laß mich sterben, damit ich vom Untergang meines Volkes nicht erfahre.“

Am 6.12.1990 hat sein Herz aufgehört zu schlagen.

Quelle

Den Nachkommen

Einst lebten wir im schönen Wolgalande.
Am Kar’man stand mein altes Vatershaus.
Da kam der Krieg. Mit Freunden und Verwandten
wir mußten nach Sibirien hinaus.

Hart war der Krieg, der Hunger und die Fröste.
Es mangelte gar oft am lieben Brot.
Doch schafften wir und mühten uns aufs Beste
und langsam überstanden wir die Not.

Jahrzehntelang verachtet und entrechtet,
aufs Schmählichste verleumdet und verkannt.
O denkt daran, ihr künftigen Geschlechter,
die ihr die Schmach der Väter nicht gekannt.

Ihr Jungen lebt in Wohlstand und Vergnügen,
zufrieden mit der Welt und eurem Aufenthalt.
Denkt ihr daran, wie viele Männer liegen
in Massengräbern dort im wilden Wald?

Kein Kreuz, kein Denkmal zeigt die Grabesstätte
und keine Tafel zählt die Namen auf
der Menschen, die vor Drangsal und vor Hunger
zu früh beendet ihren Lebenslauf.

Verfaßt Ende 60-ger Jahre
Veröffentlicht 1989

Ein Traum

Nach langen und qualvollen Jahren
in ferner bewaldeter Schlucht
hab ich, meine Sehnsucht zu stillen,
die liebliche Heimat besucht.

Zwar weiß ich, dort darf ich nicht wohnen,
mir ist es von Oben versagt.
Wie oft hab ich das schon im Stillen
im Kreise der Freunde beklagt.

Doch scheut ich nicht Müh noch Beschwerden
und zog über Täler und Höh’n,
um einmal noch, wenigstens einmal
die Heimat, die Heimat zu sehn.

Das trauliche Mütterchen Wolga,
sie lächelt mich wehmütig an:
"Wo warst du so lange gewesen?
Was hab ich dir Böses getan?

Wahrhaftig du warst und du bleibst mir
mein armer, geächteter Sohn"-
so sagten die plätschernden Wellen.
Das war meiner Sehnsucht zum Lohn.

Mich grüßt das gebirgige Ufer
und links sich die Wiese hinzieht.
Erkenne auch manchmal die Ortschaft,
wo einst reiche Gärten geblüht.

Die Dörfer, mir einst so bekannten,
sie scheinen so fremd und verwaist...
Nur unverändert und heimisch
und friedlich die Ilowlja fließt.*

Der Karamysch schlängelt noch immer*
die hüglige Gegend entlang.
Das Rauschen der Quellen in Balzer**
gleicht uralter Freunde Gesang.

Der Kar‘man ist trübe und traurig,*
denn hin ist sein Ruhm, seine Pracht.
Wo sind all die fleißigen Bauern,
die er einst zum Wohlstand gebracht?

Auch unten zum Jeruslan komm ich.*
Der flüstert vertraut wie ein Kind:
Kannst du mir, o Wandersmann, sagen,
wo jetzt meine Landsleute sind?

Noch flüchtig erblick ich auch Seelmann.**
Nach Marxstadt gelüstet mich sehr.**
Da sind meine Augen verschleiert,
ich sehe vor Tränen nichts mehr.
*Karamysch, Jlowlja, Karaman (Kar’man), Jeruslan - Nebenflüsse
der Wolga und des Don, an denen die Siedlungen der Deutschen lagen.
** Balzer, Marxstadt, Seelman - deutsche Städte an der Wolga.

Verfaßt 60-iger Jahre
Veröffentlicht 1991

Mein Heimatland

Wo der Kar’man leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Verfaßt 1948 als Antwort auf Erlass den Sowjetregierung
"Ihr seid verbannt auf ewige Zeiten"
Veröffentlicht 1988

Wiegenlied einer wolgadeutschen Mutter

Schlaf mein Kind, mein lieber Knabe!
Dunkel ist die Nacht.
Nur der Mond am Wanderstabe
hält allein noch Wacht.

An dem schönen Wolgastrande
waren wir zuhaus.
Doch man trieb mit Schmach und Schande
uns von dort hinaus.

Malte uns ‘nen schwarzen Flecken
auf die freie Brust.
Mußten leiden Greul und Schrecken,
Kummer und Verdruß.

Jeden Sowjetdeutschen nennt man
Diversant, Spion...
Schlaf, mein kleiner deutscher Landsmann!
Schlaf, mein lieber Sohn!

Und auch du, in deiner Wiege
hast schon diesen Fleck,
denn trotz aller großer Siege,
niemand wischt ihn weg:

In dem großen Sowjetlande
jedem blüht sein Glück.
Du allein bleibst ein Verbannter,
denn zum heimatlichen Strande
darfst du nicht zurück.

Viele schöne Worte sagt man
einst auch dir, mein Sohn.
Doch solang den Fleck wir tragen,
ist es schnöder Hohn.

Schlaf mein Kind, beim Silberscheine,
bist noch klein und schwach,
weißt noch nicht, warum ich weine,
nicht vor Haß und Schmach.

Wachse Kind! Straff deine Sehnen!
Sei kein stummer Knecht!
Denk an deiner Mutter Tränen
und verlang dein Recht!

Verfaßt Anfang 50-ger Jahre
Veröffentlicht Ende 80-ger Jahre

* * *

Schweres Los, mein böses Schicksal
hast mir übel zugespielt,
hast mich von der schönen Wolga
nach Sibirien hingeführt.

Nicht für böses Tun und Treiben,
nicht für eine schlechte Tat.
Keine Schuld stürzt mich ins Unglück,—
nur Verleumdung und Verrat.

Kein Verbrechen je begangen,
immer Gutes nur im Sinn.
Mußte geh’n in die Verbannung
nur weil ich ein Deutscher bin.

Längst ist jener Feind zerschlagen,
das Land von andern wird regiert.
Aber ich muß hier verharren,
widerrechtlich hergeführt.

Und ich sehn mich nach der Heimat,
frag in aller Welt herum:
Warum darf ich nicht nach Hause?
Sagt mir’s Leute! Sagt: Warum?

Verfaßt 70-ger Jahre.
Veröffentlicht Ende 80-ger Jahre

Lieder auf D. Hollmanns Gedichte

Olga von der Wolga

Ach, ich war kaum 18 Jahre
und voll Jugendschwärmerei.
Traf ich da ein holdes Mädel,
schön wie Heines Lorelei.

Und ich fragt’ nach ihrem Namen
und von welchem Ort und Land.
„Ich bin Olga von der Wolga“,
sie bescheiden mir gestand.

Ich verlor sie aus den Augen,
doch gewiß nicht aus dem Sinn.
Wo das Schicksal mich auch hintrieb,
nach der Wolga zog´s mich hin.

Ich gedachte sie zu finden
an des Stromes klarer Flut,
strebte hin aus weiter Ferne
mit des Herzens Liebesglut.

All mein Suchen war vergebens,
ganz umsonst die Liebesmüh’.
Ich fand Nina von der Dwina
eine Nonna von der Donau —
jene Olga fand ich nie.

Viele Jahre sind verflossen,
Jugend ist schon längst vorbei,
doch ich denk an jenes Mädel,
schön wie Heines Lorelei.

Aber hör´ ich von der Wolga,
zieht´s mich mächtig zu ihr hin.
Und die Olga von der Wolga
bleibt mir stets in Herz und Sinn.


Olga von der Wolga*

Musik: Friedrich Dortmann

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*Dieses Lied wurde zum ersten Mal auf dem 90jährigen Jubiläum des Dichters Dominik Hollmann von dem Komponisten E. Fritzler selbst gespielt.

Im Birkenwald

Am Wochenend´ im Birkenwald,
wenn’s schon bald Abend ist,
da kommt der forsche Willibald,
der lust´ge Gitarrist.
Was hat er da vermißt?

Er setzt sich auf ‘nen Birkenstumpf
und klimpert flott drauflos.
Es stimmen ein im vollen Chor
die Vögel klein und groß.
Das klingt ja ganz famos!

Er spielt begeistert und mit Kraft.
Die Birken tanzen schon
den Walzer und den Krakowjak,
Foxtrott und Kotilion...
Und wackeln mit der Kron.

Bald zeigt sich zwischen Baum und Strauch
ein himmelblaues Kleid.
Der Willi spielt nochmal so laut,
gewiß vor lauter Freud.
Was meint ihr denn, ihr Leut´?

Dann ist verstummt mit einem Mal
die traute Melodie.
Der Willi sitzt, und neben ihm
im blauen Kleid sitzt sie.
In schönster Harmonie.

Vom Westen schleicht ein goldner Strahl
durchs laubige Geäst.
Die kleinen Sänger haben sich
verkrochen in ihr Nest.
Ein jeder in sein Nest.

Jetzt ist es still, ganz still ringsum.
Allüberall ist Ruh.
Und nur der Kuckuck ruft dem Paar
wohl hundert Glückwünsch´ zu!
Tirrilala, Kuckuck!

Im Birkenwald

Musik: Sepp Österreicher

birkenwald

Moskaus Sommernacht

Dominik Hollmann
Übersetzung aus M. Matussowski

Kein Geräusch sogar in dem Blättermeer.
Still ist’s, bis der Tag ist erwacht.
Freunde, wißt ihr denn, welchen Zauber weckt
Moskaus trauliche Sommernacht?

Strömt der Bach dahin, oder strömt er nicht,
ganz aus Mondscheinsilber gemacht?
Klingt ein Lied so zart, oder klingt es nicht
in der traulichen Sommernacht?

Warum birgst du, Lieb, deiner Augen Licht,
das mich immer so hoch beglückt?
Schwer zu sagen ist’s — ich vermag es nicht —
alles, was mir das Herz bedrückt.

Schau, im Osten tagt’s immer sichtlicher,
und der Silberschein schwindet sacht.
Doch vergiß sie nicht, diese friedliche
Moskaus mondhelle Sommernacht.

Moskaus Sommernacht

Musik: W. Solowjow-Sedoj

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Die einsame Harmonika

Dominik Hollmann
Übersetzung aus Issakowski

Alles ruht in der nächtlichen Stille.
Nirgends Lichtschein, es knarrt keine Tür.
Aber irgendwo wandert ganz einsam
ein Harmonikaton durchs Revier.

Zieht die Straße entlang, durch die Gassen,
bis zum Garten, wo Kirschbäume blühn.
Und es scheint, ob er jemanden suche,
doch vergebens ist all sein Bemühn.

Von dem Felde weht nächtliche Kühle...
Fallen Blüten vom Apfelbaum sacht.
Ach, gesteh’s nur, Harmonikaspieler,
wen du suchest im Dunkel der Nacht.

Denn vielleicht ist sie ganz in der Nähe,
auch so einsam, bescheiden und brav.
Warum wanderst du einsamer Jüngling?
Warum störst du die Mädchen im Schlaf?..

Die einsame Harmonika

Musik: Boris Mokrousow

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Quelle

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Unterstützung in sozialrechtlichen Angelegenheiten

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Montag - Freitag
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