Robert Leinonen

Publizist und Maler. Geboren 1921 in Petrograd. War im so genannten Finnischen Krieg 1939. Machte die Blockade Leningrads durch. Im August 1942 in die Arbeitskolonnen in Kopeysk (Gebiet Tscheljabinsk) zur Zwangsarbeit mobilisiert.
Beendete im berufsbegleitenden Studium im Alter von 49 Jahren die Universität Ufa (Fachrichtung Germanistik).

Robert LeinonenKehrte 1982 in seine Geburtsstadt Leningrad zurück. 1991 emigrierte er nach Deutschland. Wohnt zur Zeit im schönen Thüringen in Lauscha- der Heimat seiner Vorfahren mütterlicherseits.
In Russland durch seine Publikationen in den Zeitungen «Neues Leben», «Freundschaft» bekannt. In Deutschland erscheinen seine Kolumnen in der Zeitung «Diplomatischer Kurier», in der Zeitschrift «Der literarische Europäer».
Ist Mitglied des Schriftstellerverbandes der russisch schreibenden in Deutschland. Gab mit Erika Voigt die Monographie “Deutsche in Sankt - Petersburg” in zwei Bänden heraus. Ist auch als Künstler bekannt.

*) Der Vater starb auf der Straße. Seinen Leichnam brachten die Nachbarn auf unser Zimmer, wo schon niemand mehr von uns lebte- es fehlten nach einem Bombardement die Fenster. Da lag er einen halben Monat lang, bis ein Aufräumkommando ihn wegbrachte...
Der Befehl über die Ausweisung aus Leningrad erreichte den Vater schon nach seinem qualvollen Tode. Genau solche Vorladungen zur Ausweisung erhielten die Leichname meiner Mutter Eleonora Robertowna (geborene Forstmann) und des meines Bruders Bruno, der noch keine 18 war.
Posthume Repressalien durften wohl, sogar in der ehemaligen SU, doch keine Alltagsakte gewesen sein. Jahrzehntelang versuchten gewisse Behörden mich zu überzeugen, dass man uns bloß evakuieren (wegen Kriegshandlungen umsiedeln) wollte. Erst 50 Jahre danach- nach einem halben Jahrhundert- gestanden dieselben Institutionen, dass wir wegen unserer nationalen Zugehörigkeit (in den Tod) evakuiert werden sollten.

Der Rucksack

Des Weges geht gekrümmt ein Mann,
Der seinen Sack kaum tragen kann.
„Vertrau mir, Väterchen, den Zweck,
Wozu du schleppst ihn Eck´ zu Eck´?“

Mein Sohn, ich kenne noch die Zeit,
Als ich schritt froh umher,
Von Last und Kummer war befreit
Mein Rucksack war noch leer.

Doch wuchs allmählich Tag für Tag
Mein Sack, soviel er konnt´.
Man stopfte den Soldatensack
Mit Krieg und Finnlandsfront.

Den zweiten Krieg ich tragen muss.
Blockade, Frost sind dort.
Faschist mir schrie: “Ergib dich, Russ´!“
Doch zerrt´ den Sack ich fort.

Noch fünfzehn Jahr Verbannungsfrist
Trug ich im Sack fortan.
Du, Ur-Ur-Urgroßvater bist
Der Schuldige daran.

„Du! Deutsches Aas!“ -ein Schlag, ein Hieb,-
„Halt´s Maul! Kenn deinen Platz“...
Dort in dem Rucksack stecken blieb
Der grausam schwere Satz.

So schleppte ich bergauf, bergab
Den Sack im Lebenslauf,
Wie Christus trug sein Kreuz zum Grab.
Ich fiel, stand wieder auf.

Und glaub mir, Sohn, nicht ich allein-
Es sind so manche noch
Die ganz erschöpft des Tragens sein,
Gekrümmt von ihrem Joch.

Und hast du Kraft dazu und Mut
So schnür die Säcke los,
Kram die Geheimnisse behut´
Leg sie den Menschen bloß.

Das Volk muss wissen, was und wer -
Trug ich den Sack umsonst umher?
Und all die Tausend, die ihr Leben
Verloren an des Grauens Wegen...

Wie kurz ist das Glück...

Dein Abschiedskuss erkaltet schon auf meinem Mund.
Wie öde, leer das Zimmer- du bist nicht mehr da...
Noch flimmern goldne Pünktchen vor den Augen und
Mich dünkt, es sei das Zauberlicht von deinem Haar.

Noch schwebt im Zimmer ein bezauberndes Odeur:
Als zarter Wohlgeruch bliebst du hier- unsichtbar...
Wie vieles hat sich gegen unser Glück verschwört...
Und, ach, wie kurz es war...

Feuersbrunst

Wenn plötzlich helle Flammen dich umgeben,
wenn alles brennt, wenn keine Zeit gegeben-
dann weißt du nicht,
was retten, wohin rennen...
Du greifst nach irgendwas,
und lässt das Wichtigste verbrennen.
Als unsere Herzen hell in Flammen standen,
und schrecklich wenig Zeit blieb für Gedanken,
verschlang uns fast der Brand...
So viel blieb ungesagt!
Ich fand die Worte nicht...
Auch du...
Schwiegst still...
Friede deiner Asche!

Das goldenrote Laub
schwebt andachtsvoll zur Erde
Und deckt der Gräber kümmerlich Gestein.
Oh, ruhe sanft
Begrüßt vom Herzen werde
Du, dessen Schicksal
Russlands Wege sein...

Es schwebt der Blätter Gold...
Ein Antlitz starrt versteinert
In goldner Zierde
Grauenhaft entstellt...
Gott sei mit uns!
Gedenke kniend Deiner,
Du heimatloser Pilger durch die Welt...

Ikebana

Im Abendlicht schimmert die Seide,
Mir zu ist dein Antlitz gewandt.
Im teuren japanischen Kleide
Hier stehst du, gelehnt an die Wand.

Der Umriß der Brust voller Wonne
Auf grauer Fraktur wirkt so flott.
Entflammt in den Strahlen der Sonne
Ein Blumengewirr... oh, mein Gott!

Im Golde die Tulpen erglühten.
Es funkelt der silberne Staub.
Den Sinn der verzauberten Blüten
Enthüll´n, Ikebana, erlaubt!...

Was soll da der Strauß an den Brüsten?
Sie krümmt ja die Stengel und bricht.
Und gelbrot warum? Wenn wir´s wüßten...
Erklär´uns! Vermagst's oder nicht?!

Die Tulpe, sie beugt sich- warum denn?
Sie streckt nicht ihr Köpfchen hinauf.
Kann sein, dass sie knickte beim Runden:
Zu scharf war der Kurve Verlauf...

Ich kann´s mit der Jugend vergleichen,
Manch Mädchen mit Blümlein am Kleid.
Im Sträußchen versteckt war ein Zeichen,
Ob frei sei das Mädel zur Zeit.

Womöglich nicht das, was ich ahne,
Steckt heut´ im Geblüm an der Brust.
Vielleicht möchtest du, Ikebana,
Mir alles erklären bewusst?...

Doch ohne die Blumen zu fragen,
Dem Lächeln, dem Blick seh´ ich´s ab:
Wozu die japanischen Sagen!-
Die Flammen der Wangen ich hab´!

In Tulpen, die wallen und schwellen,
Erblüht deiner Brüste Begehr.
Der Aufschwung der wogenden Wellen
Ist silbergekrönt ringsumher.

Der Abglanz des sinkenden Lichtes
Sich wiegt in der Wellen Gebraus.
Mag sein, Ikebana, du dichtest
Auch unserer Liebe ein Strauß...

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