Nochmal Geschichte

"Zwischen dem Dritten Reich und den Russlanddeutschen gab es keine verschwörerischen Verbindungen..."

Am Kriegsanfang waren die wehrpflichtigen Russlanddeutschen im Feld den Vertretern anderer Völker gleichgestellt. Unter den höheren Rängen in allen Truppenteilen der Roten Armee und Seeflotte gab es Hunderte von Russlanddeutschen - General Sergej Wolkenstein, Oberst Nikolai Ochmann, Oberstleutnant Konstantin Wiedemann, Hauptmann Alexander Steinle, Regimentskommissar Johann Michselberg, Oberleutnant Alexander Wagenleitner, Oberleutnant Robert Klein, um nur einige Namen zu erwähnen.

Unter den Verteidigern der Festung Brest finden sich die Namen von Major Alexander Dulkeit, Oberstleutnant Erich Kroll, Regimentsarzt Wladimir Weber, Oberstleutnant Georg Schmidt, der Soldaten Nikolai Küng, Wjatscheslaw Maier, Alexander Hermann u. a.

"An verschiedenen Frontabschnitten kämpften Leopold Schulz, Michael Disterheft, Matheus Kari, Adolf Bersch, Emanuel Weigel, Theodor Bärwald, Peter Löwen (Lewin), Peter Eisfeld, Heinrich Michaelis, Artur Hein, Rudolf Heinz, Peter Holz, Jakob Bolender, Friedrich Treit, Johann Part, Woldemar Wiedemann, Johann Korob, Albert Hast, Otto Scheck, Peter Roth, Werner Schmidt und viele andere." [46]

Man könnte sagen, dass bei Kriegsanfang die sowjetische Propaganda noch zugunsten der Russlanddeutschen arbeitete, weil sie davon nur profitieren konnte. Am 24. August 1941, vier Tage vor dem Schmäherlass über die Deportation der Wolgadeutschen, berichtete zum Beispiel die "Komsomolskaja prawda" über den Heldentod des wolgadeutschen Komsomolzen Heinrich Hoffmann. In der Zeitung war das Komsomolmitgliedsbuch von Hoffmann abgebildet, das von einem Bajonett durchstochen und mit Blut überströmt war. "Wir sehen das Mitgliedsbuch Nr. 12535944", hieß es im darunter platzierten Text. "Dieses Mitgliedsbuch gehörte dem mutigen Rotarmisten Heinrich Hoffmann, der von Hitlers Bluthunden grausam zu Tode gemartert wurde. Aus der Republik der Wolgadeutschen gebürtig, war der Komsomolze Hoffmann ein flammender Patriot unserer Heimat. Der Nationalität nach Deutscher, hasste er erbittert die Faschisten ... Schwer verwundet, geriet Heinrich den faschistischen Henkern in die Hände. Die Mörder folterten den jungen Helden, jedoch keine Folter konnte seinen Mut brechen. Die gemeinen Faschisten hackten ihm die Arme ab, stachen ihm die Augen aus, schnitten ihm die Zunge heraus..."

Ein üblicher Propagandagriff der bolschewistischen Gewalt: Einerseits stellte man den Feind als Monster dar und förderte damit Verachtung, Wut und das Gefühl der Rache ihm gegenüber; andererseits sang man ein Loblied auf die Russlanddeutschen, denen es nicht um den "Ruf des Blutes" gehe, sondern um die kommunistischen Ideale, um die heiß geliebte Heimat, welche für sie zweifelsohne die Sowjetunion sei. Wir wollen hier den Text nicht näher analysieren, eines sei nur erwähnt: Ein solcher Stil hatte zu jener Zeit, da das gesamte Volk in höchstem Maße politisiert war, eindeutig seine Wirkung.

Wenn auch die Verschickung der im westlichen Teil der Sowjetunion lebenden russlanddeutschen Bevölkerung angesichts des Ansturms der Deutschen Wehrmacht von so manchem Geschichtsschreiber (nicht aber von uns!) als gerechtfertigt bezeichnet werden konnte, was "offensichtlich in der Beunruhigung der Sowjets über das, was an ihrer Westgrenze und auf deren anderer Seite (in Deutschland) geschah" lag [47], so erscheint die Aussiedlung der Wolgadeutschen und der Deutschen aus anderen Gebieten als eine gründlich durchdachte, auf die Vernichtung einer ganzen Volksgruppe gerichtete Regimepolitik. Bekannt ist bereits, dass die Internierung der Russlanddeutschen von der Sowjetgewalt lange zuvor geplant wurde. Die Erfassung von Russlanddeutschen in Sonderlisten im Jahr 1934 und im Bericht des NKWD an das ZK der Kommunistischen Partei 1939 sowie die erwähnten Reskripte der Partei, der Regierung und der Militärbehörden liefern dafür den Beweis.

Die Zwangsaussiedlung der Wolgadeutschen wird zum Teil auch mit dem Argument gerechtfertigt, dass zur Kriegszeit die Gefahr bestanden habe, die Russlanddeutschen könnten als fünfte Kolonne Hitlers benutzt werden. Dr. Buchsweiler geht auf diese These mit der Bemerkung ein: "Vor und im Augenblick der nationalsozialistischen Eroberung betätigten sich die einheimischen Deutschen nicht in nennenswerter Weise als fünfte Kolonne. Dies beruhte weniger auf prinzipieller Ablehnung solcher Tätigkeit durch die ansässigen Deutschen als auf sowjetischem Terror und dem Abgeschnittensein von Deutschland." [48] (Die meisten Russlanddeutschen würden hier “nicht in nennenswerter Weise” durch “in keiner Weise” ersetzen. Anm. d. Red.)

"In der Sowjetunion gab es keine 'fünfte Kolonne', und man kann L. de Jong glauben, dass er zu dieser Frage keine nötigen Belegmaterialien finden konnte", schrieb im Jahr 1958 N. Zigitschko, russischer Generalmajor, im Vorwort zur russischen Ausgabe des 1956 in Chicago erschienenen Buches von L. De Jong "The German Fifth Column in the Second World War".

Einen weiteren Beleg dafür, dass es in der Ukraine keine Zusammenarbeit zwischen der deutschen Bevölkerung und der Wehrmacht gegeben hat - worauf bereits Dr. Fleischhauer eingegangen ist -, bilden die Äußerungen des Reichskommissars der Ukraine, Erich Koch, die von "schlechter deutscher Volkssubstanz" in den von der Deutschen Wehrmacht besetzten ukrainischen Gebieten Zeugnis ablegen und somit der Behauptung Buchsweilers über das Vorhandensein einer deutschen fünften Kolonne in dieser Region jede Grundlage entziehen. Man vermisse bei der deutschen Bevölkerung der Ukraine die notwendigen Qualitäten, so der Reichskommissar. [49] Buchsweiler geht in seinen Ausführungen noch weiter. In Bezug auf den "halbierten" Rehabilitierungserlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964, der die Russlanddeutschen von der Verdächtigung einer Kollaboration mit Hitlerdeutschland - enthalten im Beschluss des obersten gesetzgebenden Organs der Sowjetunion vom 28. August 1941 - freigesprochen hat, betont er: "Hier wird also dem stalinistischen Personenkult die Schuld an der Vertreibung zugeschoben. Es ist sicher einleuchtend, dass die formellen Anschuldigungen, die 1941 erhoben wurden, unberechtigt waren. Es ist auch anzunehmen, dass solch weit reichende Entscheidungen wie die über die Vertreibung der Deutschen aus der Wolgadeutschen Republik und die Auflösung der Republik mit Stalins Wissen und Willen zustande kamen. Trotzdem scheint der Aufhebungsbeschluss von 1964 dadurch, dass er dem Personenkult die ganze Verantwortung aufbürdete, bewusst der Beantwortung der oben angesprochenen Frage ausgewichen zu sein, inwieweit die Sowjetdeutschen seinerzeit eine potenzielle Gefahr darstellten und bis zu welchem Grade dies den Hauptgrund für ihre Evakuierung bildete." [50] Ungeachtet dessen, dass der Rehabilitierungserlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 ziemlich spät das Licht der Welt erblickte und den Russlanddeutschen nicht erlaubte, in die Orte zurückzukehren, aus denen sie 1941 ausgewiesen wurden, beinhaltet er eine wichtige und eindeutige(!) Schlussfolgerung, und zwar, dass die "wahllos erhobenen Anschuldigungen (von 1941) gegen die Russlanddeutschen unbegründet und Ausdruck der Willkür unter den Bedingungen des Kults der Person Stalins waren" und dass "in Wirklichkeit die überwiegende Mehrheit der (einheimischen) deutschen Bevölkerung im Krieg gemeinsam mit dem ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg beigetragen hat". [51]

Russlanddeutsche als Zwangsarbeiter in den stalinschen KZs und in der Verbannung

An "angewiesenen Orten" waren die deportierten Russlanddeutschen ein sehr gefragtes "Menschenmaterial". Ihr relativ hoher Bildungsgrad, ihr umfangreiches technisches Wissen und Können kamen den Agrarwirtschaften und Industriebetrieben der von den Sowjets vernachlässigten Ostgebiete sehr gelegen. Auch das Verhalten der örtlichen Bevölkerung den Ausgesiedelten gegenüber war erträglich. Nicht selten konnten die Deutschen mit der Unterstützung der Ortsansässigen rechnen, wenn sie ihre Lebensmittelvorräte aufgebraucht hatten. Einige Deutsche wurden als Brigadiere in landwirtschaftlichen und technischen Betrieben oder als Mechaniker in Maschinen- und Traktorenstationen angestellt. Buchhalter-, ja sogar Lehrerstellen wurden ebenfalls mit den Neuangekommenen besetzt.

Am 3. Oktober 1941 schrieb der Vorsitzende des Gebietsexekutivkomitees Nowosibirsk an den Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, L. Berija: "...Die im vergangenen Monat in unser Gebiet eingewiesenen 100.000 Deutschen aus der Republik der Wolgadeutschen reichen nicht aus. Zur Versorgung einiger großer Rayons mit Arbeitskräften sowie für die Holzbeschaffung und den Kusbass-Schachtstroi fordere ich zusätzlich 51.000 bis 52.000 dieser Umsiedler, etwa 25 Züge, an."  [52] Ähnliche Anfragen kamen auch aus anderen Gebieten, denn die "für unzuverlässig erklärten" Russlanddeutschen stellten billige und "anspruchslose" Arbeitskräfte. {tip}Meir Buchsweiler::Volksdeutsche in der Ukraine... S. 388.}Hier hat der Historiker Alfred Eisfeld zweifelsohne recht, wenn er bemerkt, dass die Ausweisung der Russlanddeutschen aus ihren angestammten Gebieten eben aus diesen Erwägungen zustande kam und nicht aufgrund Überlegungen strategischen Charakters: als Vorsorgemaßnahme zum Wohle der Bevölkerung, wie es im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 behauptet wird. [53]{/tip} Es war eher die Rache Stalins, der sich von Hitler überlistet sah, an einem Volk, das die Sprache des erbitterten Feindes sprach.

Es ist nicht bekannt, ob der zitierten Bitte aus Nowosibirsk nachgekommen wurde. Belegt ist jedoch, dass man im Rat der Volkskommissare einige Tage darauf zu dem Entschluss gelangte, aus wehrpflichtigen Umsiedlern Arbeitsbataillone bzw. -kolonnen zu bilden, in die alle arbeitsfähigen deutschen Männer im Alter von 17 bis 50 Jahre mobilisiert werden sollten.

Zeitgleich wurden Soldaten und Offiziere russlanddeutscher Abstammung aus der Roten Armee und der Seekriegsflotte abberufen und in den bereits gebildeten Arbeitseinheiten eingesetzt.

Am 10. Januar 1942 verabschiedete das Staatliche Verteidigungskomitee der UdSSR einen Beschluss über Richtlinien für den Einsatz der deutschen Umsiedler im wehrpflichtigen Alter, der eine neue Etappe im leidvollen Geschick der Russlanddeutschen einleiten sollte. Von nun an wurden die in die Arbeitskolonnen bzw. -bataillons mobilisierten Deutschen der GULag-Verwaltung unterstellt, was bedeutete, dass sie sich den Bedingungen eines Strafgefangenenlagers unterzuordnen hatten - mit dem einen Unterschied, dass sie zusätzlich noch einen enormen moralischen Druck ertragen mussten, weil sie eben Deutsche, d.h. "feindliches Gesindel" waren. Schon bald wurden die Altersgrenzen der zum Arbeitseinsatz einzuberufenden Deutschen für Männer auf 15 (16) bis 55 Jahre und für Frauen ohne Kinder unter drei Jahren auf 16 bis 50 Jahre ausgedehnt.

Die Sowjets setzten ihre Völkermordpolitik gegenüber den Russlanddeutschen leidenschaftlich fort. Damit begann für Hunderttausende Russlanddeutsche ein qualvoller Überlebenskampf als Zwangsarbeiter in der so genannten Arbeitsarmee, wo sie nach Berichten von Überlebenden und Zivilangestellten unter KZ-ähnlichen Verhältnissen Sklavenarbeit leisten mussten. Besonders schwer hatten es die deutschen Frauen und Mädchen, die der Laune und Willkür der Lagerverwaltung ausgesetzt waren. Dazu kamen schwerste Naturbedingungen, Unterernährung, akuter Mangel an Ausrüstung, Baustoffen und Werkzeug. In Workuta, Karaganda, Kopejsk, Karpinsk, Tula und Kusbass förderten die Trudarmisten Kohle. In Kamensk-Uralsk und Krasnoturjinsk errichteten sie Aluminiumwerke. In Tscheljabinsk, Nishni Tagil und Kusnezk erbauten sie Hoch- und Martinöfen. In Omsk, Nowosibirsk und Krasnojarsk bauten sie Fabriken, in denen später Panzer, "Katjuschas" und Geschosse hergestellt wurden. In Tuimasa und Podchwistnjowo förderten und verarbeiteten sie Erdöl. Weit im Norden des Urals hoben sie Schächte zur Gewinnung von Manganerzen und Tonerde aus. In den Waldgebieten des Urals und Sibiriens schlugen sie zu jeder Jahreszeit Holz, das an die Front und die Baustellen befördert wurde. Sie bauten Eisenbahnlinien und Eisenbahnbrücken. Sie waren beispielsweise beim Bau der Eisenbahnlinie von Seljony Dol bei Kasan nach Stalingrad dabei, die eine wichtige Rolle bei der Zerschlagung der Paulus-Armee spielte.

Am Ob, Jennisej, Indigirka, Baikalsee und Barentssee wurden Zehntausende von Russlanddeutschen beim Fischfang und der Fischverarbeitung eingesetzt. Weitere Einsatzsorte der Arbeitsarmisten waren Aktjubinsk, Dshambul (heute Taras), Dsheskasgan, Iwdel, Kemerowo, Solikamsk, Swerdlowsk (heute Jekaterinburg), Tscheljabinsk, Tschimkent u.v.a.

Es änderte sich auch die Situation der an ihren Verbannungsorten verbliebenen Russlanddeutschen. Gemäß entsprechenden Anordnungen von Partei-, Sowjet- und NKWD-Behörden wurden sie bis auf einzelne Ausnahmefälle von ihren "gehobenen Posten" entfernt und nur noch bei Arbeiten "einfachen Charakters" eingesetzt. Beispielgebend dafür ist der Extrabericht des UNKWD der Region Altai an den Sekretär des regionalen Komitees der WKP(B), Genosse Lobkow, {tip}Wedomosti Werchownogo Soweta SSSR, 1964, Nr. 52.}"über nicht zweckbestimmten Einsatz der umgesiedelten Deutschen". [54]{/tip}

Es gibt einen Brief des Verdienten Künstlers der UdSSR, Wladimir Fere, der bei Kriegsausbruch aus Moskau nach Kirgisien umgesiedelt wurde, an den Volkskommissar der Seekriegsflotte der UdSSR, der die Bitte enthält, ihn "in die Reihen der Kämpfer der Seestreitkräfte" einzuberufen. [55]{tip}. Die weiteren Briefe des Künstlers und seine Geldüberweisungen an den Verteidigungsfonds zeugen davon, dass man seinem Wunsch nicht nachgekommen war. Am 18. April 1943 erreichte ihn ein Telegramm des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees, I. W. Stalin: {tipA. Eisfeld::Die Russlanddeutschen. S. 125.}"Haben Sie, Wladimir Georgijewitsch, meinen Gruß und den Dank der Roten Armee für Ihre Fürsorge um die Panzertruppen der Roten Armee und um die Wiedererrichtung der von faschistischen Eindringlingen zerstörten Städte." [56]

Solche Initiativen waren keine Seltenheit zu jener Zeit. Die Sowjetbürger schonten weder Kraft und Gesundheit noch Leben, um den Sieg näher zu bringen. Und die Russlanddeutschen waren da keine Ausnahme, obwohl sie auf Staatsebene für unzuverlässig erklärt wurden. Die überwiegende Mehrheit von ihnen blieb ihrem Land treu, auch wenn sie mit dem Regime unzufrieden waren und es nicht selten hassten. Sie hofften, nach dem Krieg in ihre Heimatorte zurückkehren zu dürfen, und bemühten sich, den Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR als Missverständnis und großen Fehler zu entlarven. Durch ihren selbstlosen Einsatz wollten sie das Gegenteil dessen beweisen, was darin behauptet wurde.

Die Initiative der Trudarmisten aus Krasnoturjinsk, die, am Ende ihrer physischen und moralischen Kräfte, bei größten Verlusten an Menschenleben der Roten Armee über zwei Millionen Rubel übergaben, resultiert zweifellos gerade aus diesem Bestreben.

Im Telegramm des Vorsitzenden des Verteidigungskomitees, I. W. Stalin, an die Absender der Spende, "den Bauleiter Genosse Kronow, den Politabteilungsleiter Genosse Gorbatschow, die Sekretäre der Parteiorganisationen Genossen Schmidt und Stoll, die Tausendler (die das Tagessoll um 1.000 Prozent überboten) Genossen Bräutigam, Obholz, Ehrlich und Pfund sowie den Stachanowarbeiter Genosse Epp" hieß es: "Ich bitte Sie, den Arbeitern, dem ingenieurtechnischen Personal und den Angestellten deutscher Nationalität, die ... 353.785 Rubel für den Bau von Panzern und 1.820.000 Rubel für den Bau einer Flugzeugstaffel gesammelt haben, meinen brüderlichen Gruß und die Dankbarkeit der Roten Armee zu übermitteln." [57]
Es ist nicht bekannt, wie viele Russlanddeutsche in den Lagern des GULag und in der Verbannung umgekommen sind. Die Betroffenen gehen davon aus, dass sich ihre Zahl auf ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Deutschen in der Sowjetunion beläuft, wobei die Gesamtzahl der Opfer der bolschewistischen totalitären Gewalt unter den Russlanddeutschen nach Befunden russlanddeutscher Historiker 50 Prozent betragen soll.

Eine weitere Bestätigung dafür, dass nicht irgendwelche Präventivmaßnahmen der eigentliche Grund für die Aussiedlung der Russlanddeutschen aus ihren Heimatgebieten waren, sondern wirtschaftliche Belange der sowjetischen Diktatur, liefert uns der im November 1948 verabschiedete Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, laut dem die Zwangsaussiedlung der Russlanddeutschen und einiger anderer nationalen Minderheiten für "ewige Zeiten" festgeschrieben wurde. Das Verlassen des Ortes der Ansiedlung ohne Erlaubnis der zuständigen Kommandantur wurde ab nun mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft.

Die Sonderaufsicht über die Russlanddeutschen wurde auch noch Jahre nach dem Tod Stalins aufrecht erhalten. Sie wurde erst im Winter 1955/56 aufgehoben. Den Verbannten erlaubte man jedoch nicht, in die angestammten Gebiete zurückzukehren.

Die verspätete Rehabilitierung

Jahrzehntelang mussten die Russlanddeutschen den Stempel der Verräter tragen. Erst nach der Befreiung von der Kommandanturaufsicht im Herbst 1955 erlaubte man ihnen ein in der Muttersprache erscheinendes Presseblatt, das freilich strengstens von der Zensur überwacht wurde. Der ideologisch-strategischen Ausrichtung, die Russlanddeutschen auch weiterhin als Arbeitskräfte auszubeuten, indem man sie an ihren Verbannungsorten festhielt, entsprach auch der Titel der Zeitung - "Arbeit"!

Von Tragik und Ausweglosigkeit erfüllt sind die Worte des Literaten und ehemaligen GULag-Insassen Ernst Kontschak: "Als ... die 'Arbeit' in Barnaul und bald darauf das 'Neue Leben' in Moskau erschien, griffen wir älteren Leser mit bebenden Händen nach jeder Nummer und suchten Namen. Der erste Blick galt den Unterschriften. ... Dann lasen wir von der ersten bis zur letzten Spalte jeden Artikel in der Hoffnung, in den Zeilen auf bekannte Namen zu stoßen. Nach kurzer Zeit tauchten die Unterschriften von D. Hollmann, A. Saks, H. Kämpf auf...

{tipAus der Geschichte der Deutschen Kyrgysstans... S. 107-108.}'Abwarten!', dachte ich. Solche Literaten mit flammenden Herzen, wie es David Schellenberg, Gustav Fichtner, Hans Lohrer, Peter Petermann, Gerhard Sawatzky, Hans Hansmann, Friedebert Fondis, Richard Knorre, Gustav Fischer und Reinhold Hahn waren, können nicht schweigend dasitzen. Sie werden nicht warten, bis sie jemand ruft. Sie müssen schreiben, ohne das können sie nicht leben. Doch es verstrich Jahr um Jahr. Keiner der Genannten meldete sich..." [58]{/tip}
Noch zehn Jahre sollten vergehen, bis endlich im August 1964 die beispiellose Schmähschrift der Sowjetregierung vom 28. August 1941 in einem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets zurückgenommen wurde, jedoch nur in dem Teil, der die wahllos erhobenen Anschuldigungen gegenüber den Russlanddeutschen enthielt.

"Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 'Über die Übersiedlung der Deutschen...' ", hieß es in diesem Dokument, "wurden große Gruppen von deutschen Sowjetbürgern beschuldigt, den deutsch-faschistischen Landräubern aktive Hilfe und Vorschub geleistet zu haben.

Das Leben hat gezeigt, dass diese wahllos erhobenen Anschuldigungen unbegründet und Ausdruck der Willkür unter den Bedingungen des Kults der Person Stalins waren." In Wirklichkeit habe "die überwiegende Mehrheit" der russlanddeutschen Bevölkerung im Krieg "zusammen mit dem ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg ... beigetragen".

Davon ausgehend, beschloss das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR, den "Erlass vom 28. August 1941 'Über die Übersiedlung der Deutschen...' in dem Teil aufzuheben, der wahllos erhobene Anschuldigungen gegen die deutsche Bevölkerung" enthält.

"2. In Anbetracht dessen, dass die deutsche Bevölkerung an ihrem neuen Wohnort auf dem Territorium einer Reihe von Republiken ... festen Fuß gefasst hat", hieß es weiter, "während die Gegenden ihres früheren Wohnortes besiedelt sind, werden die Ministerräte der Unionsrepubliken zwecks weiterer Entwicklung der Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der deutschen Bevölkerung, die auf dem Territorium der jeweiligen Republik lebt, auch künftig Hilfe und Beistand im wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung ihrer nationalen Besonderheiten und Interessen zu leisten." [59]

Wir können dem nur hinzufügen, dass die im Punkt 2 aufgestellten Behauptungen eine nicht minder große Lüge waren als der gesamte Erlass von 1941.

Epilog - Exodus

Generationen von Russlanddeutschen kämpften fur die Wiederherstellung ihrer Rechte und die Zusammenführung ihrer Familien, die infolge des Krieges getrennt wurden, wobei sie stets von den Staatssicherheitskräften verfolgt und schikaniert, einige sogar des Landes verwiesen wurden.

Noch ein Vierteljahrhundert sollte vergehen, bis es den Russlanddeutschen gestattet wurde, in das Land ihrer Urväter zurückzukehren. Die ihnen auf hinterlistige Weise gestohlene Selbstverwaltung wurde jedoch auch in der Zeit der so genannten Glasnostj und Perestroika und nicht einmal nach dem Übergang zur Marktwirtschaft, in der man die Sowjetmacht als totalitäres System aburteilte, nicht wiederhergestellt.
Ein Volk, das maßgeblich zur politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Russlands beigetragen hatte, stand noch immer heimatlos da. Die gelockerten Ausreisebedingungen stellten sie vor die Alternative: Im Lande zu verbleiben, wo sie der vollständigen Assimilierung preisgegeben werden sollten, oder in die Urheimat zu ziehen, wo sie selbst längst eine separate Gruppe waren, ihren Kindern jedoch die Perspektive gegeben werden sollte, Deutsche zu bleiben. Die Mehrheit wählte die zweite Variante.

Es begann eine neue Tragödie. Ob es das Schicksal der Russlanddeutschen so haben wollte?!

Anmerkungen

1 Gottlieb Beratz. Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung. Saratow, 1915. S. 24-29.
2 Die Entwicklung der Wd.S.R. In: "Das neue Russland". 3. Jahrgang, Nr. 1-2.
3 Konstantin Ehrlich. Lebendiges Erbe. Aufzeichnungen zur Siedlungsgeographie und Kulturgeschichte der Deutschen in Russland und in der Sowjetunion. Alma-Ata, 1988. S. 85.
4 Ebenda. S. 86-87.
5 E. Gross: Die Autonome Sowjetische Republik der Wolgadeutschen (russ.). Pokrowsk, 1926. S. 20-23.
6 ”A UFCJ (EF GASO), f. 849, op. 1, d. 292, l. 14, 26, 59, 64, 73-76. Zitiert nach: A. A. German: Nemeckaya avtonomiya na Volge (Die deutsche Autonomie an der Wolga). 1918-1941. Teil II (russ.). Saratow, 1994. S. 10.
7 ZGAPD KP, f. 37, d. 12, l. 63.
8 Dr. Helmut Anger: Die Deutschen in Sibirien. Reise durch die deutschen Dörfer Westsibiriens. Ost-Europa-Verlag, Berlin 1930. S. 9-11.
9 Konstantin Ehrlich. Ebenda, S. 88.
10 Ne bylo sa nami nikakoi viny... In: Neues Leben, Nr. 35, 28.8.1991 (russ.). S. 6.
11 Herold Belger: Bruder unter Brüdern (russ.). Alma-Ata, 1991. S. 193.
12 A. A. German: Die deutsche Autonomie an der Wolga. 1918-1941. Teil II (russ.). Saratow, 1994. S. 108.
13 A. A. German: Ebenda. S. 108-109.
14 "Aus der Geschichte der Deutschen Kirgisiens 1917-1999". Bischkek, Verlag "Scham" (russ.). S. 67.
15 A. A. German: Ebenda. S. 120-121.
16 ”A UFCJ (EFGASO), f. 849, op. 1, d. 985, l. 3-4. Zitiert nach: A. A. German: Ebenda. S. 120, 125.
17 I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa und die Zwangsumsiedlung der Deutschen in der UdSSR". In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (2), 1982. S. 319.
18 I. Fleischhauer: Ebenda. S. 319-321.
19 WUF GL RH (ZGA PD KP), f. 10, op. 1, d. 262, l. 158. Zitiert nach: Aus der Geschichte der Deutschen Kyrgysstans. S. 82-83.
20 Politischer Jahresbericht. PA IV. Politik 25, Kaukasus, Bd. 1, Deutsches Generalkonsulat Tiflis, den 11. Dezember 1935, Abschrift 39d, S. 22. Zitiert nach: Alfred Eisfeld: Die Russlanddeutschen. Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Band II, Albert Langen. S. 109-110.
21 Meir Buchsweiler: Volksdeutsche in der Ukraine am Vorabend des Zweiten Weltkrieges - ein Fall doppelter Loyalität? Schriftenreihe des Instituts für deutsche Geschichte Universität Tel Aviv. Bleicher Verlag, 1984. S. 244.
22 B. Pinkus, I. Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert. Baden-Baden, 1987. S. 105.
23 Ne bylo sa nami nikakoi viny... In: Neues Leben, Nr. 35, 28.8.1991. S. 6.
24 M., Aufbewahrungszentrum für dokumentargeschichtliche Sammlungen, Archivbestand 7, Verz. 1, Akte 1223.
25 Reichsgesetzblatt, 1939, Teil II. S. 968.
26 Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D, Band VII, Baden-Baden, 1956. S. 206-207.
27 Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D, Band VIII, Baden-Baden, 1961. S. 128.
28 Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956. Herausgegeben von Alfred Eisfeld und Victor Herdt. Verlag Wissenschaft und Politik, 1996. S. 35-37.
29 I. Fleischhauer: Unternehmen Barbarossa... S. 310.
30 Ne bylo sa nami nikakoi viny... Ebenda.
31 Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee... S. 44.
32 A. Bohmann: Strukturwandel der deutschen Bevölkerung im sowjetischen Staats- und Verwaltungsbereich. Köln, 1970. S. 73.
33 I. Fleischhauer: Unternehmen Barbarossa... S. 311.
34 Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee... S. 46, 47-53.
35 Ebenda. S. 58-60.
36 Konstantin Ehrlich. "Und gedenke alles des Weges, durch den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat...". Deutschland-Kurier, Nr. 31, 2001. S. 1, 10.
37 Protokoll der Sitzung des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR. 1941, Nr. 9, Artikel 256.
38 I. Fleischhauer: Unternehmen Barbarossa... S. 307.
39 Bericht des SS-Sonderkommandos der Volksdeutschen Mittelstelle über den Stand der Erfassungsarbeiten bis zum 15. März 1942, GR T 175, R 68, F 2585161 ff. Zitiert nach: I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa...". S. 307.
40 Meir Buchsweiler: Volksdeutsche in der Ukraine am Vorabend und Beginn des Zweiten Weltkrieges - ein Fall doppelter Loyalität? Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte, Universität Tel Aviv, Bleicher Verlag, 1984. S. 288.
41 I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa..." S. 304.
42 Terror an der Wolga, in "Frankfurter Zeitung" vom 11. September 1941. Zitiert nach: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee... S. 9.
43 I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa..." S. 314-315.
44 GR T 354, R 184, F 3838693 ff. "Das Deutschtum im Spiegel des Sowjetschrifttums". S. 103-128 der Broschüre des SS-Bataillons zbV. "Meldungen vom Einsatz in der Ukraine und Krim". Zitiert nach I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa...". S. 309.
45 Siehe auch I. Fleischhauer: "Unternehmen Barbarossa...". S. 310.
46 Johann Kronewald. Jahre der Standhaftigkeit und des Mutes. In: Heimatliche Weiten, 1/1985. S. 109.
47 Meir Buchsweiler: Volksdeutsche in der Ukraine... S. 249.
48 Meir Buchsweiler: Volksdeutsche in der Ukraine... S. 391.
52 I. Fleischhauer: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Nr. 46. Stuttgart, 1983. S. 163.
53 Meir Buchsweiler: Volksdeutsche in der Ukraine... S. 388.
54 Wedomosti Werchownogo Soweta SSSR, 1964, Nr. 52.
55 I. Gejdebrecht: Vsem li odinakovo? In: Molodost' Sibiri Nr. 50 vom 16. Dezember 1989 (russisch). Zitiert nach: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee... S. 99.
56 A. Eisfeld: Die Russlanddeutschen. S. 125.
57 Gosudarstvennyj Archiv Altajskogo kraja (GAAK), fond P1, opis' 18, delo 27, listy 197-201 (russisch). Zitiert nach: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee... S. 128-131.
58 Aus der Geschichte der Deutschen Kyrgysstans... S. 107-108.
59 Ebenda. S. 109.
60 "Sarja Urala", 29. April 1975.
61 Ernst Kontschak. Unvergessliche Begegnungen. Alma-Ata, 1975. S. 5-7.
62 Sbornik Sakonow SSSR i Ukasow Presidiuma Werchownogo Soweta SSSR 1938-1975, M. 1975.

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